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Freitag, 20. Juni 2014

Über das Malerbuch des Tsu Ikuei


In der westliche Rezeption werden eher chinesiche Malerschulen bewundert, die versuchten, den Blick des Betrachters von konkreten, im Bild dargestellten Dingen auf dahinterliegende, unsichtbare spirituelle Dimensionen zu lenken. Beispielsweise wären hier die sogenannten Gentleman- Maler, die Literatenmaler aber auch die Zen - Buddhistischen (Chinesisch Chan statt Zen) Mönchsmaler zu nennen. 
Die Gentleman- Maler legten es darauf an, durch ihre Art zu malen, ihren eigenen eleganten und coolen Lebensstil auszudrücken. Die Literatenmaler wiederum versuchten in ihren Bildern ihre hohe Bildung zu zeigen. Zu dieser Gruppe gehört etwa ein Ma Yüan , der oft nur eine Ecke des Bildes bemalte, um den Blick in die Leere zu lenken ganz im Geiste des Konfuzius, der meinte „Ich zeige eine Ecke, wer die anderen nicht findet, dem wiederhole ich mich nicht“. 
Den malenden Zenmönchen schließlich war es ein Anliegen, mit ihren locker hingeworfenen Malereien die meditative Stimmung bei der Suche nach Erleuchtung zu vermitteln, wozu der Anblick einer Bambusstaude oder eines Wasserfalls nur Mittel zum Zweck war.
Auf einem völlig anderen Trip war Tsu Ikuei , der im 18. Jahrhundert ein Malerbuch, hauptsächlich über Blumenmalerei, verfasste. Er pries die Naturtreue, allerdings nicht im Sinne eines Naturalismus oder gar photographischen Realismus, sondern im Sinne einer Versenkung in das Wesen des Dargestellten. 
Tsu Ikuei meinte, der Maler müsse sich in das dargestellte Wesen hineinversetzen, vielleicht ähnlich wie die Felsmaler der Steinzeit, die vermutlich bei ihrem Jagdzauber mit dem Mammut oder Bison, den sie malten, eins wurden.  

Zur Person des Tsu Ikuei 
Von dem 1686 geborenen Tsu Ikuei gibt es einige Biografien in denen er als hoher Beamter und berühmter Blumenmaler geschildert wird.
Über seine Jugendjahre wird erzählt dass er sich viel in verrufenen Häusern herumgetrieben, Flöte geblasen und getrunken habe. 
Dennoch brachte er es zum Präsidenten des obersten Gerichtshofes und des Ministeriums für Riten. In diesen Ämtern erreichte er eine menschlichere Behandlung der Strafgefangenen, unter anderem durch Abschaffung oder zumindest Milderung der Foltermethoden. Angeblich bemühte er sich auch um die Gleichberechtigung von ethnischen Minderheiten im Süden Chinas. 
Bei einer musikalischen Vorstellung vor dem Kaiser bestieg Allerhöchst, vom Wein erhitzt, persönlich die Bühne und begann mit der Musik mit zu trommeln. Das Orchester war außerstande dem Rhythmus des Kaisers zu folgen, lediglich unser Tsu Ikuei spielte völlig im Takt mit ihrer Majestät. Ebenfalls hocherfreut von Tsu Ikuei war der Kaiser beim Anblick einer Bildrolle mit hundert Blumendarstellungen. Höchst persönlich dichtete der Kaiser zu jeder Blume einen Vierzeiler. 
Als Tsu Ikuei sich schon pensioniert als Vorsitzender der zehn Greise vom grünen Berg in seine Heimat zurückgezogen hatte, brachte der Kaiser ihm eine Tafel mit der Aufschrift:
„ Das Dhyana der Malerei nährt die Lebensjahre“ (Dhyana = Sanskrit für Medidation, etymologisch verwandt mit Chan, Zen) 


Auszüge aus Tsu Ikueis Malerbuch 

Aus den "acht Gesetzen" 
In der Malerei gibt es acht Gesetze. Das erste Gesetz heißt : Gesetz der Komposition. Auf einer Bildrolle muss man zwischen dem „Gast“ und dem „Hausherrn“ unterscheiden. Ist der eine leer, so der andere voll, der eine fest, der andere locker. Das nämlich ist das Prinzip von Aus- und Einatmen, von Yin und Yang. 
Das zweite Gesetz heißt . Gesetz des Pinsels. Der Gedanke kommt vor dem Pinsel, habe den Bambus in deiner Brust vorgebildet. Bei der Pinselführung gibt es folgende Methoden: Hangende Nadel, Eiserne Sichel, Schwimmende Gans, Seidenraupenkopf und Rattenschwanz.  

Dichtung und Malerei sind wie Kleid und Futter 
Schreiben und Malen haben einen gemeinsamen Ursprung. Darum ist bei einem guten Dichter im Gedicht ein Bild und beim guten Maler im Bild ein Gedicht. Die zauberhafte Stimmung, die ein Gemälde vermittelt verhält sich zur Wirkung eines Gedichtes wie das Kleidungsstück zu seinem Futter. 

Sechs Grundsätze beim Malen 
Schon in der Ming – Zeit sprachen die Alten von sechs Grundsätzen beim Malen:
Der erste heißt : Schaff Lebensbewegung durch Atem- Widerklang (Chi Yün) 
Anmerkung: Chi heißt so etwas wie Lebensatem, Lebensenergie, Geist etc., kommt etwa im Tai Chi vor. Yün heißt Widerhall, Echo, Reim, Resonanz. Daraus wird vielleicht verständlich, wenn es heißt: Das Herz folgt dem Rhythmus (Yün) des Pinsels, man bekommt die Gestalten in den Griff, ohne unsicher zu sein. Ein Bild ohne Chi Yün besitzt nur die Blüten äußerer Schönheit aber nicht die Frucht innerer Wahrheit. 
Der zweite Grundsatz heißt : Gebrauche den Pinsel in Knochen-Manier. 
Der dritte : Schreib nieder die Formen den Dingen als Antwort. 
Der vierte heißt : Leg aus die Farben gemäß den Arten.
Der fünfte : Planend und ordnend bestimme die Stellungen.
Der sechste Grundsatz schließlich lautet : Vermittle die Muster hinüberschreibend. 

Sechs Geisteshaltungen die beim Malen zu vermeiden sind:
1. Der Geist der Gewöhnlichkeit 
    Er gleicht einer Dorfschönen, die sich mit Schminke bemalt hat 
2. Der Handwerkergeist 
    Er bedeutet Kunstfertigkeit ohne Widerklang (Yün) 
3. Der Feuergeist
    Da führt man den Pinsel wie einen Knüppel.
4. Der Geist der Flüchtigkeit
    Das Grobe und Ungestüme tritt übermäßig in Erscheinung während das kultivierte zu kurz kommt. 
5. Der Geist des Boudoirs 
    Die Strichführung ist schwächlich, ihr fehlt die Knochenkraft. 
6. Der Geist des Im – Dunkeln – Tappens 
    Man schafft ganz nach Willkür, diese Geisteshaltung ist schlimm bis zur Unerträglichkeit 

Das Geheimnis zweier Worte 
Lebendigkeit (Huo) und Losgelöstheit (To) sind geheimnisvolle Worte in der Malerei.
Solange ich Lebensfähigkeit in mir habe, kann ich kreuz und quer malen, alles gelingt nach Wunsch. Man gewinnt dann den Eindruck, dass im Bild das Leben abgeschrieben wird. Diese Beschäftigung mit dem Lebendigen sichert nicht nur dem Maler, sondern sogar seinen Nachkommen ein hohes Alter. 
Losgelöstheit nun bedeutet, dass, wenn Strich um Strich durchgebildet ist, das Gemalte sich von Papier und Seide trennt. Wohlverstanden : nicht das Malwerk selbst löst sich ab; vielmehr das Erleben der Lebendigkeit! Dazu wird auch der Ausspruch Wang Yüs, des Herren vom Ost-Weiler zitiert, der sagte : Malerei vermag unseren Kummer hinweg zu waschen, Sorgen zu verscheuchen, die Unruhe des Herzens zu lösen und den Geist heitere Stille einzulassen. 

Vom Malen des Konkreten und Abstrakten 

Unter den Leuten gibt es ein Wort : 
Wenn einer malt den Schnee 
Vermag er doch die Reinheit nicht zu malen 
Wenn einer malt den Mond 
Vermag er doch sein Leuchten nicht zu malen... 

Die Leute, die so reden, wissen nicht, dass bei einem lebendig und losgelöst gemalten Bild auch die abstrakten Qualitäten ganz von selbst herauskommen. 
Li Su Hsün hatte für den Kaiser auf einen Wandschirm das Bild des Chialingflusses in Szechuan gemalt. Am nächsten Tag lobte der Kaiser den Künstler: 
Von dem Wandschirm, den ihr gemalt, habe ich des Nachts das Wasser rauschen hören, ihr seid ein wahrer Meister.“ 
Li Su Hsün hatte seine Wasserdarstellung im Geiste des weiblichen Prizinps Yin gemalt, so dass das Leben des Wassers darin hörbar war. Nun gibt es, wie schon in der Einleitung angedeutet, in China natürlich Maler, die auf einem völlig anderen Trip waren. Diese versuchten mit spontanen, fast unkontrollierten Pinselstrichen ihre inneren Zustände sichtbar zu machen wobei die Ähnlichkeit der Abbildung mit der Natur in den Hintergrund trat.
Eine gewisse Tradition dieser Einstellung findet sich schon bei den sogenannten Tintenspritzern (I-Pin) der Ming Ära, natürlich auch bei malenden Zen-Buddhistischen Mönchen des 12. Jahrhunderts und immer wieder bei unorthodoxen, wilden Malern wie besonders krass beim genialen Hsüe Wei.
Hsüe Wie war auch ein Blumenmaler, so wie Tsu Ikuei, der Autor unseres Buches über Malerei, aber er war von ihm verschieden wie Tag und Nacht. Vermutlich malte er seine rasch und wie zufällig hingeworfenen Bilder oft betrunken, im Rahmen von Saufgelagen. In seinen fast chaotischen, wilden und expressiven Pinselstrichen wird eher sein wüstes Innenleben sichtbar als die Pfingstrosen oder der Bambus. Die geniale Zerrissenheit dieses Malers zeigt sich auch in seiner Biografie. Er war ein vielseitig begabter Opernsänger, Schwertfechter, Kalligraph und Maler. Eines der Singspiele die er komponierte hieß „Die vier Schreie des Affen“. In einem psychotischen Zustand erstach er seine Frau, schlug sich mit einer Hacke auf den Kopf, bohrte sich einen Nagel ins Ohr und zerquetschte seine Hoden, weshalb er nur knapp der Todesstrafe entging.
Wohl zu Recht vermerkt James Cahill (Parting at the Shore, New York und Tokyo,1978) dass die beeindruckende Bildrolle Hsüe Weis in Nanking wohl auch als Selbstheilungsversuch des Künstlers gesehen werden kann) Nach sieben Jahren Gefängnis lebte er ärmlich dahin und verfasste selbst eine Inschrift für seinen Grabstein wie folgt:
Die Leiden der Kindheit hat er überlebt, weil er nicht verdiente zu sterben,
Ständig vor Angst unterzugehen wie gelähmt Stürzte er sich selbst ins Wasser,
Lacht nur alle über den kahlköpfigen Wei
Jetzt ist es zu spät für ihn noch Mönch zu werden! 

Hsü Wei: "Flowers and Other Plants", Nanking Museum

Habt Mitleid mit ihm,
er war doch ein begabter Kerl,
und er hat bis zum Wahnsinn gekämpft
um auch eine normaler Mensch zu werden,
Ist er dafür schuldig zu sprechen?
Ist im Nachhinein nicht alles verständlich?

Des Meeres und der Liebe Wellen


Psychoanalytische Bemerkungen zur Kulturgeschichte des Wassers

Aller Anfang ist nass
Wie wirkt die Begegnung mit dem Wasser auf die Psyche? Welche Fantasien löst ein Spaziergang am Ufer des Meeres aus? Welche Stimmungen, welche Sehnsüchte und Ängste erzeugen ein Bad in den Fluten oder eine Bootsfahrt?
Spüren wir Beruhigung und Entspannung wenn wir in die Fluten tauchen oder Bedrohung durch die Tiefe und Uferlosigkeit? Vermutlich vermischen sich ein sehnsüchtiges Gefühl von Vertrautheit mit unheimlichen Ängsten unterzugehen und sich aufzulösen.
Außerdem gibt es schließlich beträchtliche Unterschiede zwischen einer Badewanne und dem Pazifik.
Auf alle Fälle spricht viel dafür, dass die spezifische Mischung psychischer Effekte bei einer Begegnung mit dem Wasser an frühe Erlebnisse des Individuums bei der Entwicklung seines Ichs erinnert. Auf Erlebnisse, die S. Freud (1930a, S 422) in Anlehnung an einen, von seinem Freund Romain Rolland geprägten Ausdruck das „ozeanische Gefühl“ genannt hat.
S. Freud ortete in diesem Gefühl der Verschmelzung mit dem All, der Grenzenlosigkeit, auch die Quelle des religiösen Gefühls.
Das ozeanische Gefühl, wie es wirklich treffend bezeichnet wird, steht also offenbar am Beginn der psychischen Entwicklung.
Der „Geist Gottes schwebte über dem Wasser“ heißt es schon im alten Testament. Aller Anfang ist nass.
In seiner zehnten Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse, die von der Symbolik im Traum handelt, meint S. Freud, dass Träume in denen man ins Wasser stürzt oder aus dem Wasser kommt, regelmäßig die Geburt darstellen. (1916 – 17, S 160,161)


In zweifacher Weise könne sich dieses Traumsymbol auf eine entwicklungsgeschichtliche Wahrheit berufen. Nicht nur dass alle Landsäugetiere, auch die Vorahnen des Menschen, aus Wassertieren hervorgegangen seien, sondern dass auch jeder Mensch die erste Phase seiner Existenz im Wasser, nämlich als Embryo im Fruchtwasser im Leib seiner Mutter gelebt habe. Fantasien, die durch das Untertauchen im Wasser ausgelöst werden, verweisen also zumindest häufig auf das frühe Auftauchen des individuellen Bewusstseins aus dem seelischen Urmeer der symbiotischen Einheit von Säugling und Mutter. Gelegentlich der Fantasien über Zusammenhänge von Geburt und Wasser führt Freud auch den netten Witz vom intelligenten Judenknaben an, der gefragt wurde, wer eigentlich die Mutter des Moses gewesen sei. Der Knabe antwortet, dass es die ägyptische Prinzessin sei. Als ihm vorgehalten wird, dass diese ja nur das Körbchen mit dem kleinen Moses aus dem Nil gefischt habe, antwortet der Knabe wiederum: „So sagt sie“ – und beweist damit, dass er die richtige Deutung des Mythos gefunden hat.
In unseren Träumen vom Wasser, in zahllosen Mythen, in der Psychose, aber auch in der damit nahe verwandten Verliebtheit werden nun diese Fantasien anschaulich dargestellt.
An einigen Beispielen dieser psychischen Phänomene soll nun der Konflikt zwischen der Sehnsucht, wieder im mütterlichen Ozean zu versinken und der Angst dabei zu ertrinken und sich aufzulösen, verdeutlicht werden.

Im weiteren wird versucht zu zeigen, dass es mitunter gelingt, diesen Konflikt, wie im Traum oder Mythos, durch kreative Kompromisse zu bewältigen. In Psychose und Verliebtheit misslingt oft dieser Kompromiss. Diese Zustände sind deshalb so gefährlich, weil dabei in die Beziehung zum anderen Menschen viele Elemente der symbiotischen Beziehung des hilflosen Säuglings zu seiner Mutter einfließen. Allzu oft erleidet beim Versuch der Bewältigung das Ich des Psychotikers mit seinem schwachen kleinen Boot Schiffbruch im Sturm archaischer Gefühle. Ähnlich ergeht es mitunter den Liebespaaren. Im günstigen Fall geht dabei das Ich baden, im schlimmeren Fall treiben Wasserleichen ans Ufer der sozialen Realität.


Harndrang und Durst im Traum
O. Rank (1912) hat an zahlreichen überzeugenden Beispielen demonstriert, wie Bequemlichkeitsträume, aus dem Wunsch weiterzuschlafen entstehen und häufig als Motiv Harndrang oder Durst erkennen lassen.
Damit knüpft Rank natürlich an S. Freuds Traumdeutung (1900a) an. Beide, Freud und Rank illustrieren ihre Ausführungen zu Harndrang und Träumen von Wasserfluten mit dem witzigen Cartoon, den S.Ferenczi im ungarischen Witzblatt Fidibusz entdeckt hatte.
In seiner umfangreichen Arbeit beschreibt Rank, wie in so genannten Harnreizträumen von Springbrunnen, Toiletten, Bootsfahrten, Überschwemmungen, Regengüssen etc. zunächst der Wunsch zu urinieren dargestellt, danach aber meist doch der Schläfer geweckt wird. Nach erfolgter Entleerung, Rank formuliert meist „auf die kleine Seite gehen“, setze sich der Harnreiztraum übrigens oft als erotischer Traum fort.
G. Roheim steuert 1927 eine Unmenge an Mythen verschiedener Völker zu dieser Thematik bei . Diverse Sintfluten werden durch urinierende Götter hervorgerufen, der Verbindung des Wassers zum Mond, zur Menstruation und Schwangerschaft wird nachgespürt und versucht zwischen individuellen Träumen und Mythen Analogien zu finden.
Ein einziger derartiger Mythos, der die Zusammenhänge von Wasser, Geburt und Schöpfung besonders plastisch schildert, soll nun knapp dargestellt werden, obwohl er sich nicht unter den von G.Roheim berichteten Beispielen findet.

Die Quirlung des Milchmeeres
Die Erschaffung der Welt wird in den meisten Religionen, ebenso wie die Entstehung des einzelnen Kindes, mit dem Wasser, mit einem Urozean verknüpft.
Anschaulich stellt dies der im Hinduismus noch heute lebendige Mythos von der Quirlung des Milchmeers dar.

Der Regen, als flüssige, mütterliche Energie ein milchförmiges Nass, ernährt die Pflanzenwelt, wird auf dem Umweg über die Kühe zur nährenden Milch, die alle Gestalten ständig aufbaut, wie der Leib des Neugeborenen durch den Strom der Muttermilch gedeiht.
Diese Quintessenz, das Amrita der Götter, das Lebenselixier, muss jedoch bei der Erschaffung der Welt eingedickt werden, damit die festen Formen entstehen.
Der gesamte Kosmos ist wie ein riesiges Gefäß, gefüllt mit dieser milchartigen Flüssigkeit. Der Inhalt des ungeheuer großen Butterfasses muss mit einem Riesenquirl (dem Weltenberg) der durch die Weltenschlange gesprudelt wird, zu göttlicher Butter verdichtet werden.

Alle Götter und Dämonen zerren gemeinsam an der ungeheuer großen Weltenschlange, hundert Jahre lang, damit die Milch sich verdicke und alle Wesen, Elefanten, Wildschweine, Bäume, Früchte und Blumen daherwirbeln. (H. Zimmer, 1936)
Die assoziative Verbindung dieser kosmischen Vorgänge mit den Fantasien über die körperlichen Vorgänge der Urszenen von Zeugung und Geburt, aber auch vom Trinken an der Mutterbrust scheint naheliegend
Natürlich könnte man der Quirlung des Milchmeeres im Hinduismus zahllose andere Beispiele hinzufügen.
Nahezu beliebig viele Beispiele ließen sich hier anführen. Vom rituellen Untertauchen oder Übergießen als symbolischer Wiedergeburt, etwa bei der christlichen Taufe, über die profanen Thermen, diverse Heilbäder, Kneippkuren und Whirlpools spannt sich ein weiter Bogen zu Trinkkuren mit Heilwässern, Vitaminsäften, Essenzen oder Elixieren zu inneren und äußeren Anwendung.

Fast überall und immer herrschte in diversen Heilbäder übrigens fröhliches Treiben, das für die Fruchtbarkeit der Frauen sehr förderlich war, getreu dem alten Badespruch:
„Für unfruchtbare Frauen ist das Bad das Beste. Was das Bad nicht tut, das tun die Gäste“.

Die Vorstellung der Fruchtbarkeit und Heilkraft der mütterlichen flüssigen Energie reicht vom Urstoff des Thales von Milet, über die Säftelehre des Hippokrates und das Fluidum bis zur sogenannten

Libido, der Sexualenergie bei S.Freud.(Der Terminus stammt von A.Moll)
Übrigens ist der Herrscher, noch öfter die Herrscherin über das Wasser ist in vielen Kulturen der Mond. Er erzeugt Regen und Gezeiten, bewirkt die Menstruation und die Fruchtbarkeit der Frauen und sorgt für das Wachstum der Vegetation. Aber in diesem Zusammenhang ausführlicher auf die Mondsymbolik mit ihrer periodischen Erneuerung einzugehen, würde den Rahmen sprengen.


Verkörperungen des Wassers
Der Mythos stellt Naturkräfte, Wind, Feuer, Erde und selbstverständlich auch das Wasser in personifizierter Gestalt dar. Meist sind es zunächst Tiere und Fabelwesen, die im Lauf der Zeit immer menschlichere Gestalt annehmen um schließlich zu Begleittieren von Göttinnen und Göttern in Menschengestalt zu werden.
Der Urozean, die Quellen und Brunnen werden in ältester Form durch oft riesige Schlangen, Drachen, Fische oder Frösche verkörpert. Leviathan, Midgardschlange, Muchalindaschlange und das Krokodil des Kasperltheaters oder der Walfisch des Jonas sind fast beliebige Vertreter dieser verschlingenden und zugleich beschützenden Fabeltiere. Leicht lässt sich in ihnen die Gestalt der verschlingenden frühen Mutter erkennen.
In einer weiteren Entwicklungsstufe entwickeln diese Wasserwesen immer deutlicher Menschengestalt. Eine unübersehbare Schar von Mischwesen bevölkert das feuchte Element.
Zwischen Fischen und Seehkühen schwimmen zahllose Okeaniden und Nereiden durch den Ozean.
Im Meer, in Seen, ja sogar in kleinen Teichen und Quellen wimmelt es von Nixen und Nymphen namens Rusalka oder Arielle, von kleinen Seejungfrauen, von singenden Sirenen, von Naginis und zweischwänzigen Wasserweibchen.
Die verführerische Loreley, die schöne Lau und andere aquatische Sagenfiguren haben ihren Fischschwanz bereits abgestreift und gänzlich Menschengestalt angenommen.


Die Entwicklungslinie geht dann weiter, über immer harmloser scheinende Quellnymphen und Brunnenstatuen bis hin zur vielbesungenen erotisch attraktiven schönen Müllerin.
Aber von allen geht doch die leicht unheimliche und zugleich verlockende Melodie der archaischen, mütterlich-inzestuösen Umarmung aus.

Wie gefährlich es sein kann, der Verlockung dieser Melodie nachzugeben, soll am Mythos von Hero und Leander verdeutlicht werden.

Des Meeres und der Liebe Wellen
Eine besonders prominente Vertreterin des schaumgeborenen Geschlechtes ist natürlich Venus bzw. Aphrodite.
Sie gilt als Kind der alles erschaffenden Meergöttin Thetys, viele glauben auch, dass sie aus dem von Kronos abgeschnittenen Penis des Uranos entstand, der im Schaum des Meeres umhertrieb.

Ihre Priesterinnen, die rituell im Meer verjüngende Bäder nahmen, werden in der Fantasie der Göttin, der sie dienen, gleichgesetzt.
Deshalb gilt es als Tabu und wird mit meist tödlichen Strafen belegt, diese Priesterinnen zu lieben, womit wir bei der Titelgeschichte von Franz Grillparzers Trauerspiel „Des Meeres und der Liebe Wellen“ angelangt wären, einer der vielen Varianten der antiken Sage von Hero und Leander. (Grillparzer, 1960 – 1965, Uraufführung des Trauerspiels am 3.4. 1831)

Die unter anderem von Ovid und Musäus überlieferte Sage diente Hölderlin, Schiller und auch Grillparzer als Vorlage für ihre Dichtungen.
In aller Kürze zusammengefasst: Der Jüngling Leander verliebt sich in Hero, eine Priesterin der Aphrodite. Geleitet vom Schein einer von Hero ins Fenster gestellten Fackel durchschwimmt er zum Rendezvous den Hellespont, die heutigen Dardanellen, wo ja noch immer ein angeblicher Leanderturm gezeigt wird.

Heros erboster Onkel löscht die Fackel aus, Leander ertrinkt, seine Wasserleiche wird ans Ufer gespült und Hero folgt ihm in den Tod. Unschwer lässt sich die Story aus psychoanalytischer Sicht deuten:

Die grenzenlose Liebe ist, wie bereits gezeigt, mit archaischen Elementen des tabuisierten Mutterinzestes durchsetzt. Die frühesten Varianten dieser inzestuösen Wünsche wiederum werden von unbewussten Fantasien von über das Eintauchen und Ertrinken in Wasserfluten begleitet.
Aphrodites Vertreterin, Hero darf nicht von einem irdischen Jüngling geliebt werden, weil Aphrodite auch die göttliche, aus dem gemeinsamen Urozean auftauchende Mutter verkörpert. Der gestrenge Onkel verkörpert als Stellvertreter den strafenden Vater in einer frühen Variante der Triangulierung.
Das Liebespaar, geht zu Grunde, wie Romeo und Julia, Pyramus und Thisbe und zahllose andere.
Übrigens passt Grillparzers lebenslängliche Angst eine feste Bindung einzugehen recht gut zu seiner Faszination für das Motiv von „Des Meeres und der Liebe Wellen“

Noch etwas allgemeiner kann man festhalten : je archaischer die Göttin oder Dämonin des Wassers ist, je deutlicher bei ihr die Züge des Wassertieres hervortreten, desto stärker wird ihr verschlingender Sog, desto schriller und unabweisbarer ihr Sirenengesang, desto gefährlicher und tödlicher ihre Umarmung. Beim romantischen Liebespaar, das sich sentimental bei Sonnenuntergang am Meeresstrand küsst, ist der ganze archaische Zauber symbiotischer Verschmelzung bereits ziemlich gezähmt, aber für ein feines Ohr doch als leise, bedrohliche Hintergrundmusik hörbar.

Wasserspiele eines Psychotikers
In psychotischen Zuständen ist die Verbindung der Wassersymbolik mit der Sehnsucht und gleichzeitigen Angst in den Körper der Mutter zurückzukehren oft mit besonderer Deutlichkeit spürbar, viel offensichtlicher als in der Verliebtheit. Die Psychose stellt gewissermaßen einen kreativen Kompromiss zwischen zwei intensiven, aber gleichermaßen tödlichen Wünschen dar. Einerseits der inzestuöse Wunsch in die Mutter hinein zurückzukehren, andererseits der Wunsch sich zu verselbständigen.

Besonders anschaulich stellen die genialen Inszenierungen des großen Malers August Walla diesen Konflikt handlungssprachlich dar (Danzinger, 2007) :
August Walla verhüllte sich, übrigens bevorzugt am Donauufer, im Schwimmbad oder Badezimmer, also nahe dem Wasser, mit einer Decke. Dann forderte er seine Mutter auf, ihn zu fotografieren. In dem Augenblick, in dem sie den Auslöser betätigte, ließ er die Decke fallen und das Bild seines nackten Körpers gelangte durch das Objektiv der Kamera und die Pupille der Mutter in das Innere des mütterlichen Körpers, in den er sich mit aller Kraft seiner starken Fantasie zurücksehnte.

Übrigens spielte die Bedeutung die er dem Brunzen, Wischerln, Schiffen, Urinieren, Luluen usw. gab ebenso wie die Leibhalluzination eines verdoppelten Penis für ihn eine eminente Rolle. Aus den beiden Röhren seines vermeintlichen Doppellulu strömten seiner Meinung nach Honiglulu und Kondensmilchlulu aus zwei verschiedenen Röhren in die eine und selbe Blechkanne, in die auch seine Mutter urinierte. (Übrigens wäre August Walla so gerne einmal nach Honolulu gereist, erinnerte ihn doch das Wort an „Honiglulu“)
Bekanntlich lebte August Walla mit seiner Mutter in enger Zweisamkeit zusammen und tat nie einen Schritt fort aus dieser Beziehung hin zu anderen Frauen.
Die weitgehende Erfüllung seines psychotischen Wunsches als ewiges Kind quasi in der Mutter zu bleiben, bezahlte der Künstler mit der Verwerfung (forclusion) der symbolischen Kastration , der Verleugnung reifen Wissens über die Geschlechterdifferenz und diversen realen Äquivalenten der Kastration. (J.Lacan, 1997b) Beispielsweise entfernte er mit einem selbstgebrauten Bartenthaarungscocktail aus Germ, Salmiak, alten Brotrinden und dem Waschmittel Ariel sorgfältig seine Barthaare um nicht männlich auszusehen.

Im Zusammenhang der vorliegenden Arbeit über die symbolische Bedeutung der Gewässer sei aber lediglich noch die elementare, religiöse Verehrung der Donau durch Walla hervorgehoben. Auf vielen seiner Bilder wird sie als „Dänuvius Fluvius“ personifiziert dargestellt. Gerne und oft ging er ein paar Stunden an ihr Ufer,

hielt die Hand ins Wasser oder kauerte sich sogar in die Fluten und verweilte träumerisch in dieser Stellung.
Unwillkürlich fühlt man sich durch diese Aktion an die Wallfahrt frommer hinduistischer Pilger an das Ufer des Ganges, der großen Mutter Ganga erinnert. Auch diese Pilger fantasieren beim Untertauchen in die mütterlichen Fluten Heimkehr,Tod und Wiedergeburt.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Kleiner Winterausflug auf die Insel Zypern

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Sufitänzer in Nikosia

Hinter der Selimiye Cami (Hagia Sophia) tanzt ein einzelner Sufimönch für Touristen. Die Verbindung von Himmel und Erde im magischen Wirbel dieses heiligen Ventilators wird aber doch auch hier spürbar, ähnlich wie in Konya oder im achteckigen Pavillon des Mevlanaklosters in Istanbul. Der weite, weiße Blütenkelch der Kutte erzeugt mit leisem Schwirren einen Gotteswind der den Staub irdischer Leidenschaft davonbläst.

Wieviele Schiffe auf ihrer Fahrt Von Ost nach West und von West nach Ost haben in den Häfen Zyperns angelegt !
Phönizier, Mykener, Griechen, Römer, Kreuzritter, Venezianer,Türken und Engländer haben ihre Fußabdrücke hinterlassen. In gotischen Kathedralen beteten Christen vor dem Hochaltar
 in Richtung Jerusalem, später verneigten sich fromme Muselmannen in denselben hohen Hallen weiter Richtung Süden, nach Mekka gewendet ,vor dem Mihrab.
Ich liebe diesen Stilmix von Ikonen, byzantinischen Fresken, Minaretten, römischen Mosaiken, Meze, Kebab und Zypernwein. Schade dass es immer faschistische und rassistische Fanatiker gibt, die durch ethnische Säuberung und Trennung die bunte Vielfalt und das friedliche miteinander der Kulturen zu zerstören versuchen. Aber so friedlich war es leider nie, die Eroberer haben immer die anderen ermordet, unterdrückt und ausgebeutet. Unter der Herrschaft der Lusignans mussten sich die Orthodoxen auch in versteckte grüne Waldesschluchten des Troodos verkriechen und die Osmanen beseitigten auch die Götzenbilder der Christen.
Dabei wäre es so wunderbar, wenn ein inbrünstiges Allahu Akbar zugleich mit einem christlichen Kyrie Eleison erklingen könnte.
Meinetwegen dürfte auch der Kult der schaumgeborenen Aphrodite-Astarte  mit ihrem göttlichen Hintern wieder aufleben!
Oben, in Pissouri erhebe ich mein Glas und proste Apoll der Wälder zu, und dem römischen Theater in Kourion und in der Ferne der Türkei, Syrien und Ägypten, besonders aber den etwas peinlichen touristischen Liebespaaren die sich unten am Strand beim Aphroditefelsen küssen. Wie schon gesagt ist mir die Aphrodite beim Hintern tausendmal lieber als die internationalen Bauspekulanten die mit ihren widerlichen Appartmentsiedlungen die zyprischen Küsten zerstören.

Freitag, 10. Februar 2012

Inari - der Fuchs


Zu Beginn eines neuen Jahres schreibt jeder Scholar mit großen Lettern sein Leitmotiv. Also schreibe ich meinen "Künstlernamen" Inari. So heißt der Fuchs, der den Tempel bewacht.

Dienstag, 13. September 2011

Juli 2011: Rundreise durch Galicien









GALICIEN

Wo das grüne Land zu Ende geht,

Wo das finstere Meer

Die steilen Felsen frisst

Dort liegt Galicien

Nach dem Regen letzte Nacht

Zersplittert das Morgenlicht

Leise klirrend

An den Glasveranden

In denen sich der heisere Schrei der Möwen spiegelt

Viele sind ertrunken

Unter dunklen Wolken

Noch mehr vom Generalissimo ermordet

Oder über den Atlantik hinüber

In öden , grenzenlosen Pampas

Verknoten sie ihr rotes Tuch

Um den heiseren Hals und schlürfen

Den heißen Maté

Während zu Hause im verlorenen Galicien

Ihre verlassenen Weiber

Mit Ärschen wie Felsbrocken

Sich in Hexen verwandeln

Die versuchen einer verregneten Nebelwelt

Mit ein paar Zaubersprüchen und Giftkräutern

Ihre grausamen Geheimnisse zu entlocken

Aber wo der Ginster blüht und die Erika

Steigt doch noch von blauen Schieferdächern

Der Rauch auf und zieht über die

Horreos auf ihren Beinen aus Kastanienholz

Aber dahinter, die rauschenden Kiefernwälder

Sind längst vom schäbigen Eukalyptusgebüsch

Verdrängt, längst

Haben schrottreife Tankschiffe

Mit stinkendem Erdöl

Die indigofarbenen Felstürme versaut

In den tiefen Buchten der Rias

Unter alten Keltendörfern

Atmet keuchend das verdreckte Meer

In Ebbe und Flut

Lässt die weiten Sandbänke trocken fallen

Um sie nach ein paar Stunden

Wieder mit der schäumenden Flut zu überschwemmen

Eine riesige Wasserspülung

Göttlicher Klomuscheln

Göttlicher Entenmuscheln

Von den nassen Felsen gekratzt

Von den bemoosten Fassaden der Kathedralen und den

Verregneten Steinkreuzen gekratzt

Als Wegzehrung für frierende Pilger

Die dem geschmacklosen Ruf der Jakobslüge folgen

Mit Blasen an den wundgelaufenen

Schweißfüßen

Diese Stein gewordenen verschimmelten Lügen

Die uns glauben machen sollen

Die Lüge der Reconquista sei besser

Als die Lüge der Muselmannen

Die nur mehr als Gespenster bei Halbmond

Durch stürmische Nächte geistern

Durch Nächte in denen sogar die Gallegos sich

Hinter ihren Glasveranden verkriechen

In dieser düsteren Ecke Iberiens

Im verzauberten Reich Galicien

Zwischen bitterer Wirklichkeit

Und fantastischen Nebelträumen.




Die verlorene Kamera


Wir haben auf dem Rückflug von Galicien die Fotokamera mitsamt der reichen Beute vieler Bilder verloren. Nun versuche ich die Enttäuschung darüber durch eine Polemik gegen den öden Spiegelzauber des Fotografierens zu bewältigen.

Wie doch die Meute der Bilderjäger, bewaffnet mit dem fressenden Auge des Objektivs rastlos hinter den Urszenen nachhetzt !! Sonnenuntergänge, Kriegsgreuel, Pornografie, alles verleiben sie sich unersättlich ein.

Man muss nur beobachten, wie sich ihr Blick nach dem Drücken des Auslösers schlagartig vom Motiv abwendet, als hätten sie es vernichtet.

Die optischen Gedächtnisprothesen der Speicherkarten geben uns die trügerische Illusion einer authentischen Verbindung mit den Bildern, die von den realen Dingen gelöst wurden. In Wirklichkeit trennen sie uns jedoch von der lebendigen Erinnerung. Auf den Bilderfriedhöfen der verstaubten Fotoalben, Festplatten oder Filme verrotten die einbalsamierten Augenblicke. Sie verdecken mit ihren toten Abbildern die Lebewesen der Gegenwart.

Also verkriecht euch nur hinter euren Objektiven ihr schamlosen Fotografen. Mit tausend und abertausend Schnappschüssen werdet ihr die Rätsel aus den mondbeschienen Träumen eurer Kindheit doch nicht lösen !

Wenn euch schon längst die Würmer fressen, werden eure vergilbten Fotos auf irgendwelchen Speichern vergeblich nach Unsterblichkeit lechzen.

Dienstag, 1. Juni 2010

Gehirnströme durch Bilder beeinflussbar „Wasseroberflächen“ von Rainer Danzinger in der Galerie Centrum


Jahrelang hat der Psychoanalytiker Rainer Danzinger hinter der Couch dem Redefluss seiner Klienten gelauscht. Fasziniert vom wechselnden Rhythmus des Sprechens, in dem sich die unterschiedlichen Innenwelten spiegeln, suchte er nach Möglichkeiten diese Schwingungen derPsyche optisch darzustellen.

Direkt hineinschauen kann man ja bekanntlich in keinen Menschen. „Das Bin ist dunkel“ sagt Ernst Bloch. Deshalb brauchen wir immer äußere Bilder zur Darstellung unseres Inneren. Als äußere Metapher für die rhythmischen Bewegungen innerer Zustände bieten sich nun ganz besonders geeignet Wasseroberflächen an.

Ihre Wellenbewegung korrespondiert nicht nur mit der Bewegung der Wolken oder der Berge sondern auch mit den Biorhythmen von Atmung, Puls oder sinnlichem Begehren.

Selbstverständlich auch mit den biochemischen und elektromagnetischen Schwingungen des Gehirns, die wir als Schwankungen unseres Lebensgefühls, unserer Stimmung, subjektiv wahrnehmen.

Nun lässt sich zeigen, dass die Bilder von Rainer Danzinger, die in einer Art von rhythmischer Schrift solche inneren Zustände wiedergeben, nach dem Muster des Bio-Feedback-Trainings, bei Betrachtung durch mehrere Minuten, den Alpha- Rhythmus des menschlichen Gehirnes verstärken und vertiefen. Dies bewirkt eine Entspannung der Psyche ohne die beträchtlichen Nebenwirkungen von Psychopharmaka.

Um den Blick des Betrachters nach innen zu lenken, ist in den meisten der Bilder ein kleiner Gag versteckt, der das konkretistische Missverständnis, es gehe um eine Art von äußeren Wasserlandschaften, ad absurdum zu führen versucht. Wie ein Zen-buddhistisches Koan soll dieser Gag bewirken, dass wir das Bild nicht mit dem rechten Auge, nicht mit dem linken Auge sondern gewissermaßen mit unserem dritten Auge anschauen, mit dem dritten Auge, dessen Blick nach innen gerichtet ist.


Die Galerie Centrum lädt Sie herzlich ein zur Ausstellung

„Wasseroberflächen“

R a i n e r D a n z i n g e r

Freitag, 11. Juni 2010, 19:30 Uhr

Ausstellungsdauer bis 26. Juni 2010

Öffnungszeiten der Galerie Do-Fr 16 – 19 Uhr Sa 10 – 13 Uhr

Tel. Vereinbarung 0699-81462057

Galerie Centrum, Färbergasse 7/1, 8010 Graz

office@galeriecentrum.net

www.galeriecentrum.net

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Wasseroberflächen











Flüchtig spiegeln sich die vorbeiziehenden Wolken in den Wellen. Wie ähnlich sind diese rasch wechselnden Strukturen doch meinen Gefühlen, die auch kaum fassbar über die Oberfläche des Daseins gleiten. Auf altmodische Art, mit dem geschmeidigen Pinsel auf der federnden Leinwand, versuche ich diese seltsame Erregung zu erfassen.