Freitag, 20. Juni 2014

Des Meeres und der Liebe Wellen


Psychoanalytische Bemerkungen zur Kulturgeschichte des Wassers

Aller Anfang ist nass
Wie wirkt die Begegnung mit dem Wasser auf die Psyche? Welche Fantasien löst ein Spaziergang am Ufer des Meeres aus? Welche Stimmungen, welche Sehnsüchte und Ängste erzeugen ein Bad in den Fluten oder eine Bootsfahrt?
Spüren wir Beruhigung und Entspannung wenn wir in die Fluten tauchen oder Bedrohung durch die Tiefe und Uferlosigkeit? Vermutlich vermischen sich ein sehnsüchtiges Gefühl von Vertrautheit mit unheimlichen Ängsten unterzugehen und sich aufzulösen.
Außerdem gibt es schließlich beträchtliche Unterschiede zwischen einer Badewanne und dem Pazifik.
Auf alle Fälle spricht viel dafür, dass die spezifische Mischung psychischer Effekte bei einer Begegnung mit dem Wasser an frühe Erlebnisse des Individuums bei der Entwicklung seines Ichs erinnert. Auf Erlebnisse, die S. Freud (1930a, S 422) in Anlehnung an einen, von seinem Freund Romain Rolland geprägten Ausdruck das „ozeanische Gefühl“ genannt hat.
S. Freud ortete in diesem Gefühl der Verschmelzung mit dem All, der Grenzenlosigkeit, auch die Quelle des religiösen Gefühls.
Das ozeanische Gefühl, wie es wirklich treffend bezeichnet wird, steht also offenbar am Beginn der psychischen Entwicklung.
Der „Geist Gottes schwebte über dem Wasser“ heißt es schon im alten Testament. Aller Anfang ist nass.
In seiner zehnten Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse, die von der Symbolik im Traum handelt, meint S. Freud, dass Träume in denen man ins Wasser stürzt oder aus dem Wasser kommt, regelmäßig die Geburt darstellen. (1916 – 17, S 160,161)


In zweifacher Weise könne sich dieses Traumsymbol auf eine entwicklungsgeschichtliche Wahrheit berufen. Nicht nur dass alle Landsäugetiere, auch die Vorahnen des Menschen, aus Wassertieren hervorgegangen seien, sondern dass auch jeder Mensch die erste Phase seiner Existenz im Wasser, nämlich als Embryo im Fruchtwasser im Leib seiner Mutter gelebt habe. Fantasien, die durch das Untertauchen im Wasser ausgelöst werden, verweisen also zumindest häufig auf das frühe Auftauchen des individuellen Bewusstseins aus dem seelischen Urmeer der symbiotischen Einheit von Säugling und Mutter. Gelegentlich der Fantasien über Zusammenhänge von Geburt und Wasser führt Freud auch den netten Witz vom intelligenten Judenknaben an, der gefragt wurde, wer eigentlich die Mutter des Moses gewesen sei. Der Knabe antwortet, dass es die ägyptische Prinzessin sei. Als ihm vorgehalten wird, dass diese ja nur das Körbchen mit dem kleinen Moses aus dem Nil gefischt habe, antwortet der Knabe wiederum: „So sagt sie“ – und beweist damit, dass er die richtige Deutung des Mythos gefunden hat.
In unseren Träumen vom Wasser, in zahllosen Mythen, in der Psychose, aber auch in der damit nahe verwandten Verliebtheit werden nun diese Fantasien anschaulich dargestellt.
An einigen Beispielen dieser psychischen Phänomene soll nun der Konflikt zwischen der Sehnsucht, wieder im mütterlichen Ozean zu versinken und der Angst dabei zu ertrinken und sich aufzulösen, verdeutlicht werden.

Im weiteren wird versucht zu zeigen, dass es mitunter gelingt, diesen Konflikt, wie im Traum oder Mythos, durch kreative Kompromisse zu bewältigen. In Psychose und Verliebtheit misslingt oft dieser Kompromiss. Diese Zustände sind deshalb so gefährlich, weil dabei in die Beziehung zum anderen Menschen viele Elemente der symbiotischen Beziehung des hilflosen Säuglings zu seiner Mutter einfließen. Allzu oft erleidet beim Versuch der Bewältigung das Ich des Psychotikers mit seinem schwachen kleinen Boot Schiffbruch im Sturm archaischer Gefühle. Ähnlich ergeht es mitunter den Liebespaaren. Im günstigen Fall geht dabei das Ich baden, im schlimmeren Fall treiben Wasserleichen ans Ufer der sozialen Realität.


Harndrang und Durst im Traum
O. Rank (1912) hat an zahlreichen überzeugenden Beispielen demonstriert, wie Bequemlichkeitsträume, aus dem Wunsch weiterzuschlafen entstehen und häufig als Motiv Harndrang oder Durst erkennen lassen.
Damit knüpft Rank natürlich an S. Freuds Traumdeutung (1900a) an. Beide, Freud und Rank illustrieren ihre Ausführungen zu Harndrang und Träumen von Wasserfluten mit dem witzigen Cartoon, den S.Ferenczi im ungarischen Witzblatt Fidibusz entdeckt hatte.
In seiner umfangreichen Arbeit beschreibt Rank, wie in so genannten Harnreizträumen von Springbrunnen, Toiletten, Bootsfahrten, Überschwemmungen, Regengüssen etc. zunächst der Wunsch zu urinieren dargestellt, danach aber meist doch der Schläfer geweckt wird. Nach erfolgter Entleerung, Rank formuliert meist „auf die kleine Seite gehen“, setze sich der Harnreiztraum übrigens oft als erotischer Traum fort.
G. Roheim steuert 1927 eine Unmenge an Mythen verschiedener Völker zu dieser Thematik bei . Diverse Sintfluten werden durch urinierende Götter hervorgerufen, der Verbindung des Wassers zum Mond, zur Menstruation und Schwangerschaft wird nachgespürt und versucht zwischen individuellen Träumen und Mythen Analogien zu finden.
Ein einziger derartiger Mythos, der die Zusammenhänge von Wasser, Geburt und Schöpfung besonders plastisch schildert, soll nun knapp dargestellt werden, obwohl er sich nicht unter den von G.Roheim berichteten Beispielen findet.

Die Quirlung des Milchmeeres
Die Erschaffung der Welt wird in den meisten Religionen, ebenso wie die Entstehung des einzelnen Kindes, mit dem Wasser, mit einem Urozean verknüpft.
Anschaulich stellt dies der im Hinduismus noch heute lebendige Mythos von der Quirlung des Milchmeers dar.

Der Regen, als flüssige, mütterliche Energie ein milchförmiges Nass, ernährt die Pflanzenwelt, wird auf dem Umweg über die Kühe zur nährenden Milch, die alle Gestalten ständig aufbaut, wie der Leib des Neugeborenen durch den Strom der Muttermilch gedeiht.
Diese Quintessenz, das Amrita der Götter, das Lebenselixier, muss jedoch bei der Erschaffung der Welt eingedickt werden, damit die festen Formen entstehen.
Der gesamte Kosmos ist wie ein riesiges Gefäß, gefüllt mit dieser milchartigen Flüssigkeit. Der Inhalt des ungeheuer großen Butterfasses muss mit einem Riesenquirl (dem Weltenberg) der durch die Weltenschlange gesprudelt wird, zu göttlicher Butter verdichtet werden.

Alle Götter und Dämonen zerren gemeinsam an der ungeheuer großen Weltenschlange, hundert Jahre lang, damit die Milch sich verdicke und alle Wesen, Elefanten, Wildschweine, Bäume, Früchte und Blumen daherwirbeln. (H. Zimmer, 1936)
Die assoziative Verbindung dieser kosmischen Vorgänge mit den Fantasien über die körperlichen Vorgänge der Urszenen von Zeugung und Geburt, aber auch vom Trinken an der Mutterbrust scheint naheliegend
Natürlich könnte man der Quirlung des Milchmeeres im Hinduismus zahllose andere Beispiele hinzufügen.
Nahezu beliebig viele Beispiele ließen sich hier anführen. Vom rituellen Untertauchen oder Übergießen als symbolischer Wiedergeburt, etwa bei der christlichen Taufe, über die profanen Thermen, diverse Heilbäder, Kneippkuren und Whirlpools spannt sich ein weiter Bogen zu Trinkkuren mit Heilwässern, Vitaminsäften, Essenzen oder Elixieren zu inneren und äußeren Anwendung.

Fast überall und immer herrschte in diversen Heilbäder übrigens fröhliches Treiben, das für die Fruchtbarkeit der Frauen sehr förderlich war, getreu dem alten Badespruch:
„Für unfruchtbare Frauen ist das Bad das Beste. Was das Bad nicht tut, das tun die Gäste“.

Die Vorstellung der Fruchtbarkeit und Heilkraft der mütterlichen flüssigen Energie reicht vom Urstoff des Thales von Milet, über die Säftelehre des Hippokrates und das Fluidum bis zur sogenannten

Libido, der Sexualenergie bei S.Freud.(Der Terminus stammt von A.Moll)
Übrigens ist der Herrscher, noch öfter die Herrscherin über das Wasser ist in vielen Kulturen der Mond. Er erzeugt Regen und Gezeiten, bewirkt die Menstruation und die Fruchtbarkeit der Frauen und sorgt für das Wachstum der Vegetation. Aber in diesem Zusammenhang ausführlicher auf die Mondsymbolik mit ihrer periodischen Erneuerung einzugehen, würde den Rahmen sprengen.


Verkörperungen des Wassers
Der Mythos stellt Naturkräfte, Wind, Feuer, Erde und selbstverständlich auch das Wasser in personifizierter Gestalt dar. Meist sind es zunächst Tiere und Fabelwesen, die im Lauf der Zeit immer menschlichere Gestalt annehmen um schließlich zu Begleittieren von Göttinnen und Göttern in Menschengestalt zu werden.
Der Urozean, die Quellen und Brunnen werden in ältester Form durch oft riesige Schlangen, Drachen, Fische oder Frösche verkörpert. Leviathan, Midgardschlange, Muchalindaschlange und das Krokodil des Kasperltheaters oder der Walfisch des Jonas sind fast beliebige Vertreter dieser verschlingenden und zugleich beschützenden Fabeltiere. Leicht lässt sich in ihnen die Gestalt der verschlingenden frühen Mutter erkennen.
In einer weiteren Entwicklungsstufe entwickeln diese Wasserwesen immer deutlicher Menschengestalt. Eine unübersehbare Schar von Mischwesen bevölkert das feuchte Element.
Zwischen Fischen und Seehkühen schwimmen zahllose Okeaniden und Nereiden durch den Ozean.
Im Meer, in Seen, ja sogar in kleinen Teichen und Quellen wimmelt es von Nixen und Nymphen namens Rusalka oder Arielle, von kleinen Seejungfrauen, von singenden Sirenen, von Naginis und zweischwänzigen Wasserweibchen.
Die verführerische Loreley, die schöne Lau und andere aquatische Sagenfiguren haben ihren Fischschwanz bereits abgestreift und gänzlich Menschengestalt angenommen.


Die Entwicklungslinie geht dann weiter, über immer harmloser scheinende Quellnymphen und Brunnenstatuen bis hin zur vielbesungenen erotisch attraktiven schönen Müllerin.
Aber von allen geht doch die leicht unheimliche und zugleich verlockende Melodie der archaischen, mütterlich-inzestuösen Umarmung aus.

Wie gefährlich es sein kann, der Verlockung dieser Melodie nachzugeben, soll am Mythos von Hero und Leander verdeutlicht werden.

Des Meeres und der Liebe Wellen
Eine besonders prominente Vertreterin des schaumgeborenen Geschlechtes ist natürlich Venus bzw. Aphrodite.
Sie gilt als Kind der alles erschaffenden Meergöttin Thetys, viele glauben auch, dass sie aus dem von Kronos abgeschnittenen Penis des Uranos entstand, der im Schaum des Meeres umhertrieb.

Ihre Priesterinnen, die rituell im Meer verjüngende Bäder nahmen, werden in der Fantasie der Göttin, der sie dienen, gleichgesetzt.
Deshalb gilt es als Tabu und wird mit meist tödlichen Strafen belegt, diese Priesterinnen zu lieben, womit wir bei der Titelgeschichte von Franz Grillparzers Trauerspiel „Des Meeres und der Liebe Wellen“ angelangt wären, einer der vielen Varianten der antiken Sage von Hero und Leander. (Grillparzer, 1960 – 1965, Uraufführung des Trauerspiels am 3.4. 1831)

Die unter anderem von Ovid und Musäus überlieferte Sage diente Hölderlin, Schiller und auch Grillparzer als Vorlage für ihre Dichtungen.
In aller Kürze zusammengefasst: Der Jüngling Leander verliebt sich in Hero, eine Priesterin der Aphrodite. Geleitet vom Schein einer von Hero ins Fenster gestellten Fackel durchschwimmt er zum Rendezvous den Hellespont, die heutigen Dardanellen, wo ja noch immer ein angeblicher Leanderturm gezeigt wird.

Heros erboster Onkel löscht die Fackel aus, Leander ertrinkt, seine Wasserleiche wird ans Ufer gespült und Hero folgt ihm in den Tod. Unschwer lässt sich die Story aus psychoanalytischer Sicht deuten:

Die grenzenlose Liebe ist, wie bereits gezeigt, mit archaischen Elementen des tabuisierten Mutterinzestes durchsetzt. Die frühesten Varianten dieser inzestuösen Wünsche wiederum werden von unbewussten Fantasien von über das Eintauchen und Ertrinken in Wasserfluten begleitet.
Aphrodites Vertreterin, Hero darf nicht von einem irdischen Jüngling geliebt werden, weil Aphrodite auch die göttliche, aus dem gemeinsamen Urozean auftauchende Mutter verkörpert. Der gestrenge Onkel verkörpert als Stellvertreter den strafenden Vater in einer frühen Variante der Triangulierung.
Das Liebespaar, geht zu Grunde, wie Romeo und Julia, Pyramus und Thisbe und zahllose andere.
Übrigens passt Grillparzers lebenslängliche Angst eine feste Bindung einzugehen recht gut zu seiner Faszination für das Motiv von „Des Meeres und der Liebe Wellen“

Noch etwas allgemeiner kann man festhalten : je archaischer die Göttin oder Dämonin des Wassers ist, je deutlicher bei ihr die Züge des Wassertieres hervortreten, desto stärker wird ihr verschlingender Sog, desto schriller und unabweisbarer ihr Sirenengesang, desto gefährlicher und tödlicher ihre Umarmung. Beim romantischen Liebespaar, das sich sentimental bei Sonnenuntergang am Meeresstrand küsst, ist der ganze archaische Zauber symbiotischer Verschmelzung bereits ziemlich gezähmt, aber für ein feines Ohr doch als leise, bedrohliche Hintergrundmusik hörbar.

Wasserspiele eines Psychotikers
In psychotischen Zuständen ist die Verbindung der Wassersymbolik mit der Sehnsucht und gleichzeitigen Angst in den Körper der Mutter zurückzukehren oft mit besonderer Deutlichkeit spürbar, viel offensichtlicher als in der Verliebtheit. Die Psychose stellt gewissermaßen einen kreativen Kompromiss zwischen zwei intensiven, aber gleichermaßen tödlichen Wünschen dar. Einerseits der inzestuöse Wunsch in die Mutter hinein zurückzukehren, andererseits der Wunsch sich zu verselbständigen.

Besonders anschaulich stellen die genialen Inszenierungen des großen Malers August Walla diesen Konflikt handlungssprachlich dar (Danzinger, 2007) :
August Walla verhüllte sich, übrigens bevorzugt am Donauufer, im Schwimmbad oder Badezimmer, also nahe dem Wasser, mit einer Decke. Dann forderte er seine Mutter auf, ihn zu fotografieren. In dem Augenblick, in dem sie den Auslöser betätigte, ließ er die Decke fallen und das Bild seines nackten Körpers gelangte durch das Objektiv der Kamera und die Pupille der Mutter in das Innere des mütterlichen Körpers, in den er sich mit aller Kraft seiner starken Fantasie zurücksehnte.

Übrigens spielte die Bedeutung die er dem Brunzen, Wischerln, Schiffen, Urinieren, Luluen usw. gab ebenso wie die Leibhalluzination eines verdoppelten Penis für ihn eine eminente Rolle. Aus den beiden Röhren seines vermeintlichen Doppellulu strömten seiner Meinung nach Honiglulu und Kondensmilchlulu aus zwei verschiedenen Röhren in die eine und selbe Blechkanne, in die auch seine Mutter urinierte. (Übrigens wäre August Walla so gerne einmal nach Honolulu gereist, erinnerte ihn doch das Wort an „Honiglulu“)
Bekanntlich lebte August Walla mit seiner Mutter in enger Zweisamkeit zusammen und tat nie einen Schritt fort aus dieser Beziehung hin zu anderen Frauen.
Die weitgehende Erfüllung seines psychotischen Wunsches als ewiges Kind quasi in der Mutter zu bleiben, bezahlte der Künstler mit der Verwerfung (forclusion) der symbolischen Kastration , der Verleugnung reifen Wissens über die Geschlechterdifferenz und diversen realen Äquivalenten der Kastration. (J.Lacan, 1997b) Beispielsweise entfernte er mit einem selbstgebrauten Bartenthaarungscocktail aus Germ, Salmiak, alten Brotrinden und dem Waschmittel Ariel sorgfältig seine Barthaare um nicht männlich auszusehen.

Im Zusammenhang der vorliegenden Arbeit über die symbolische Bedeutung der Gewässer sei aber lediglich noch die elementare, religiöse Verehrung der Donau durch Walla hervorgehoben. Auf vielen seiner Bilder wird sie als „Dänuvius Fluvius“ personifiziert dargestellt. Gerne und oft ging er ein paar Stunden an ihr Ufer,

hielt die Hand ins Wasser oder kauerte sich sogar in die Fluten und verweilte träumerisch in dieser Stellung.
Unwillkürlich fühlt man sich durch diese Aktion an die Wallfahrt frommer hinduistischer Pilger an das Ufer des Ganges, der großen Mutter Ganga erinnert. Auch diese Pilger fantasieren beim Untertauchen in die mütterlichen Fluten Heimkehr,Tod und Wiedergeburt.

Freitag, 31. Januar 2014

Sind Riesenstädte menschenfeindlich?


Meine jüngsten Aufenthalte in Tokyo, Yokohama, Nagoya, Osaka und Seoul haben meine Zweifel verstärkt, ob die riesigen Betonwüsten der Großstädte überhaupt eine menschenwürdige Umgebung zum Leben sind.
Wie bei jeder Begegnung mit einer anderen Person, einem Tier oder sogar einem Baum, wird auch die künstliche Umwelt des Stadtraumes von Bewohnern und Besuchern körpersprachlich wahrgenommen. Ob sie wollen oder nicht treten sie in einen Dialog mit den protzigen Riesentürmen, den unterirdischen Höhlensystemen und den lärmenden Stadtautobahnen, der sich auf ihr Befinden auswirkt. Das Modell dieses körpersprachlichen Dialogs ist und bleibt aber stets die Erfahrung mit den Körpern der Eltern, Geschwister, Freunde, Feinde und Geliebten und natürlich auch mit dem eigenen Körper. 






Solcherart werden die phallokratischen Betonklötze des Königs Mammon mit ihren scharfen gläsernen Kanten als väterliche Drohung erlebt. Die Pornografie der Macht des Finanzkapitals die durch erigierte Türme aus Beton symbolisiert wird, schüchtert den winzigen Passanten zu ihren Füßen ein, verwandelt ihn in ein bedeutungsloses Molekül.
Auf der anderen Seite verkörpern die unterirdischen Höhlensysteme der U-Bahnen und Einkaufszentren das verborgene Innenleben von Verdauung und Fortpflanzung im Leib einer ungeheuren, verschlingenden Mutter. Wie durch das Maul eines Drachen, wie durch einen Höllenrachen werden die Menschenmassen verschlungen. In der unterirdischen Tiefe werden sie dann herumgeschoben, der Kaufrausch von glitzerndem, unbrauchbaren Schund, der sich fast sofort nach dem Kauf in Müll verwandelt, ersetzt die Mysterien der Fortpflanzung und Ernährung.





Über diesen unterirdischen Grotten leuchten verführerisch die blendenden Reklamen, locken in die Pachinko-Hallen des Glücksspiels und in die lügenhaften Versprechungen der Designershops. Sozusagen das Décolleté der Kurtisane des Konsums. Aber das Fressen im Konsumrausch führt zu keiner echten Sättigung, monotone Masturbation in den Spielhöllen zu keinem befriedigenden Orgasmus.
Wenn ich in diesen, auf den ersten Blick oft verlockenden, städtischen Environments umherirre, verschlechtern sich insgesamt mein Körpergefühl und mein Lebensgefühl durch die körpersprachlichen Gesten, die von dieser brutalen Betonlandschaft ausgesendet werden. In rücksichtsloser optischer Umweltverschmutzung spricht diese Architektur auf unheimliche und widerwärtige Weise zu mir.




Zusammen mit den Scharen zahlloser, fast hypnotisierter Mitmenschen saugen die Öffnungen der U-Bahn, die Schienennetze und Straßennetze mich an, ergreifen mich mit den Fangarmen eines Riesenkraken, zermalmen mich mit dem Gebiss ihrer Betonzähne und verschlingen mich in die Bäuche unterirdischen Transports und Konsumrausches.
Wie feurige Öfen in denen die Menschenmassen verheizt werden glühen die ganze Nacht die grellen Lichter, beleuchten das Szenario, in dem der dämonische Moloch Stadt mit seiner Peitsche von Hast und Zeitdruck die Menschenherden zu quälender Fronarbeit und hektischem Vergnügen treibt.
Tag und Nacht, Sommer und Winter verschwimmen in dieser artifiziellen Welt in der unersättlich und verschwenderisch Menschen und  Naturprodukte verschluckt, zerkaut und wieder erbrochen werden. Der altbekannte Teufelskreis von Hahn, Schwein und Schlange, von Hochmut, Unersättlicher Gier und Lüge, der das Rad der Illusionen antreibt. Wenn man so will auch der unbarmherzige Mechanismus des Kapitalismus.
Zurück bleiben ausgebrannte, leere Menschenhülsen, mit artifiziellen, unnatürlichen Bedürfnissen. Dazu Berge von Müll, die Exkremente des riesigen Drachens Großstadt.
Es gibt kein natürliches Leben mehr in diesen  giftig vibrierenden Geisterstädten. Morgens hinein in die monotonen Büros, vor die flimmernden Bildschirme, danach wie grinsende Schatten als  standardisierte Konsumenten in die Einkaufpaläste und zum Running-Sushi.
Der Widerschein dieser von unersättlicher Geldgier angetriebenen, ruhelosen Monsterstädte  aber strahlt weit hinaus, entlang der Ufer der Flüsse bis zu den schlafenden Wäldern im Mondschein. Widerwillig verzieht unser Planet dann sein Gesicht, wenn er den Fluch spürt, der von den Riesenstädten, diesen Zentren der Macht des Geldes, ausgeht.






Sonntag, 16. Dezember 2012

Kleiner Winterausflug auf die Insel Zypern

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Sufitänzer in Nikosia

Hinter der Selimiye Cami (Hagia Sophia) tanzt ein einzelner Sufimönch für Touristen. Die Verbindung von Himmel und Erde im magischen Wirbel dieses heiligen Ventilators wird aber doch auch hier spürbar, ähnlich wie in Konya oder im achteckigen Pavillon des Mevlanaklosters in Istanbul. Der weite, weiße Blütenkelch der Kutte erzeugt mit leisem Schwirren einen Gotteswind der den Staub irdischer Leidenschaft davonbläst.

Wieviele Schiffe auf ihrer Fahrt Von Ost nach West und von West nach Ost haben in den Häfen Zyperns angelegt !
Phönizier, Mykener, Griechen, Römer, Kreuzritter, Venezianer,Türken und Engländer haben ihre Fußabdrücke hinterlassen. In gotischen Kathedralen beteten Christen vor dem Hochaltar
 in Richtung Jerusalem, später verneigten sich fromme Muselmannen in denselben hohen Hallen weiter Richtung Süden, nach Mekka gewendet ,vor dem Mihrab.
Ich liebe diesen Stilmix von Ikonen, byzantinischen Fresken, Minaretten, römischen Mosaiken, Meze, Kebab und Zypernwein. Schade dass es immer faschistische und rassistische Fanatiker gibt, die durch ethnische Säuberung und Trennung die bunte Vielfalt und das friedliche miteinander der Kulturen zu zerstören versuchen. Aber so friedlich war es leider nie, die Eroberer haben immer die anderen ermordet, unterdrückt und ausgebeutet. Unter der Herrschaft der Lusignans mussten sich die Orthodoxen auch in versteckte grüne Waldesschluchten des Troodos verkriechen und die Osmanen beseitigten auch die Götzenbilder der Christen.
Dabei wäre es so wunderbar, wenn ein inbrünstiges Allahu Akbar zugleich mit einem christlichen Kyrie Eleison erklingen könnte.
Meinetwegen dürfte auch der Kult der schaumgeborenen Aphrodite-Astarte  mit ihrem göttlichen Hintern wieder aufleben!
Oben, in Pissouri erhebe ich mein Glas und proste Apoll der Wälder zu, und dem römischen Theater in Kourion und in der Ferne der Türkei, Syrien und Ägypten, besonders aber den etwas peinlichen touristischen Liebespaaren die sich unten am Strand beim Aphroditefelsen küssen. Wie schon gesagt ist mir die Aphrodite beim Hintern tausendmal lieber als die internationalen Bauspekulanten die mit ihren widerlichen Appartmentsiedlungen die zyprischen Küsten zerstören.

Montag, 5. November 2012

千木 Chigi 
– als das Wünschen noch geholfen hat



  
Kumanoschrein beim Nachi-Wasserfall, Japan

Haus des Häuptlings bei den Akka (Nagaland), Indien


Dorf im Nagaland, Indien


 Toraja-Hochland, Sulawesi

Weiß der Teufel, warum der Anblick der scherenförmig über den Giebel hinausragenden Giebelbretter an Vorderseite und Rückseite der Firste vieler Shintoschreine meine Fantasie so reizt.
Auf japanisch heißen diese Bretter(Windbretter, Bageboards)  C h i g i , wörtlich heißt das so etwas ähnliches wie „Tausenderbaum“ und ihre Herkunft und Bedeutung scheinen nicht ganz klar zu sein.
Mich jedenfalls führen sie zurück in die märchenhafte Zeit meiner Kindheit, in eine Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat.
Damals, so erinnere ich mich, entdeckte ich im Giebeldreieck vieler Häuser am Land in der Steiermark Hirschgeweihe. Als Kind schien es mir fast selbstverständlich, dass an der herausragenden Spitze des Giebels, wo First und Dachsparren zusammenlaufen, die magische Trophäe eines Hirschgeweihs angebracht war.
Und noch heute, wenn ich selbstvergessen im Pilgerstrom von Touristen, Schulklassen oder Müttern mit Kinderwägen durch das rotlackierte Torii einen dieser heiligen Bezirke der Shintoreligion betrete, regt sich in meinem oft enttäuschten Herzen dieselbe  kindliche Stimmung, leise begleitet von der Musik des Tangos „Volver“. Diese gekreuzten Bretter, die wie Hörner vom Dach herausragen scheinen mir gleichermaßen geheimnisvoll und doch vertraut und bekannt.
Natürlich tauchen auch Bilder der Torajahäuser im Hochland von Sulawesi auf,  mit ihren zahllosen riesigen Büffelhörnern im Giebel, zu denen ich auf schlammigen Wegen knatternd mit dem Motorrad gefahren bin, auch die altjapanischen Hausmodelle aus den Kofungräbern aus dem Museum  , das Hirschgeweih auf dem kleinen Tempel in Alt-Manali im Kulutal oder die gekreuzten Planken mit Pferdeköpfen auf alten nordeuropäischen Holzbauten.
Es ist klar, dass die Chigi in Ise, am Izumo Taisha, am Sumiyoshi- Schrein, am Kibitsu- Schrein oder wie sie alle heißen, uralte architektonische Vorläufer haben.
Das gilt wohl für alle Elemente dieser schlichten, alle zwanzig Jahre neu nach uraltem Vorbild zu erbauenden Schreine. Ich muss mich einbremsen, um hier nun nicht in einen langatmigen Lobgesang auf diese verzauberten heiligen Bezirke zu verfallen. Zwischen alten Zedern und magischen Felsen, an rauschenden Wasserfällen, wo die Kami wohnen, mit Shimenawaseilen festgehalten, von jungen hübschen Mädchen, den Mikos, und  von alten Priestern betreut ...
Ich möchte mich hier wirklich nur auf das Architekturelement Chigi konzentrieren, oben vertikal abgesägt, wenn männliche Kami im Honden wohnen, horizontal abgesägt, wenn weibliche drinnen hausen. Oft mit Windlöchern und vergoldeten Platten geziert, ragen sie rätselhaft vom Giebel in den Himmel.
Ein wenig weiter bringt wohl die etymologische Spur der Namen für diese Bauteile. Der Firstbalken und der vertikale schwere Baum, der auf den vermutlich ältesten Shintoschreinen den Giebel stützte, ist mit dem chinesischen und auch japanischen Ausdruck Tai-Ji (Tai-Chi, Taikyoku/ 太極) verknüpft, uns vom heutzutage modischen chinesischen Schattenboxen, dem Tai-Chi bekannt. Das Schriftzeichen dafür hat als ikonografische Wurzel das bekannte Zeichen für sehr groß, mit ausgebreiteten Armen und ein Zeichen das irgendwie, unklar und deshalb vielseitig interpretierbar, einen Baumstamm mit einem Menschen und dessen Mund und Hand verknüpft. Jedenfalls heißt das Zeichen Bergesgipfel und Firstbalken. (Mitunter wird es im Westen, wegen der Homophonie, mit dem Begriff Chi, jap.Ki für Lebensenergie verwechselt, der im Qui-Gong aufscheint und ein völlig anderes Schriftzeichen hat 気) Von der daoistischen Philosophie wurde der Begriff Ji (Chi, 太極)vor allem im I-Ging, mit reicher Symbolbedeutung befrachtet. Im Dachfirst schneiden sich die Schattenseite des Dachs mit der Sonnenseite, wie bei einem Berg Nordhang und Südhang, weibliches und männliches Prinzip heben sich gegenseitig auf. Das Tai-Ji ist quasi die ultimative Spitze in der alles in eines zusammenfällt.
Es scheint einleuchtend, dass dieses daoistische Symboldenken nicht nur in die konfuzianischen Doktrinen eingedrungen ist, sondern auch den japanischen Shintoismus, der bekanntlich auch in alten lokalen schamanischen Traditionen verwurzelt ist, beeinflusst hat.
Wie freue ich mich schon heute darauf, wieder einmal durch ein rotes Torii, vielleicht an einer alten No-Bühne vorbei, ein Shinto-Heiligtum zu betreten, wo mir aus dem Dunkel des Schreins der magische Spiegel der Sonnengöttin Amiterasu entgegenleuchtet, irgendwo in der Nähe versteckt das heilige Schwert.
Mit kindlichem Schauer blicke ich dann hinauf zum Chigi, mit ähnlichen Gefühlen, wie ich als Kind zum Hirschgeweih in irgend einem verwitterten Jagdhaus meiner Heimat hinaufgeblickt habe. In jener Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat und in der mich schon mein kleiner schlauer Fuchs Inari beschützt hat, der auch die heilige  shintoistische Stätte beschützt.