Montag, 5. November 2012

千木 Chigi 
– als das Wünschen noch geholfen hat



  
Kumanoschrein beim Nachi-Wasserfall, Japan

Haus des Häuptlings bei den Akka (Nagaland), Indien


Dorf im Nagaland, Indien


 Toraja-Hochland, Sulawesi

Weiß der Teufel, warum der Anblick der scherenförmig über den Giebel hinausragenden Giebelbretter an Vorderseite und Rückseite der Firste vieler Shintoschreine meine Fantasie so reizt.
Auf japanisch heißen diese Bretter(Windbretter, Bageboards)  C h i g i , wörtlich heißt das so etwas ähnliches wie „Tausenderbaum“ und ihre Herkunft und Bedeutung scheinen nicht ganz klar zu sein.
Mich jedenfalls führen sie zurück in die märchenhafte Zeit meiner Kindheit, in eine Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat.
Damals, so erinnere ich mich, entdeckte ich im Giebeldreieck vieler Häuser am Land in der Steiermark Hirschgeweihe. Als Kind schien es mir fast selbstverständlich, dass an der herausragenden Spitze des Giebels, wo First und Dachsparren zusammenlaufen, die magische Trophäe eines Hirschgeweihs angebracht war.
Und noch heute, wenn ich selbstvergessen im Pilgerstrom von Touristen, Schulklassen oder Müttern mit Kinderwägen durch das rotlackierte Torii einen dieser heiligen Bezirke der Shintoreligion betrete, regt sich in meinem oft enttäuschten Herzen dieselbe  kindliche Stimmung, leise begleitet von der Musik des Tangos „Volver“. Diese gekreuzten Bretter, die wie Hörner vom Dach herausragen scheinen mir gleichermaßen geheimnisvoll und doch vertraut und bekannt.
Natürlich tauchen auch Bilder der Torajahäuser im Hochland von Sulawesi auf,  mit ihren zahllosen riesigen Büffelhörnern im Giebel, zu denen ich auf schlammigen Wegen knatternd mit dem Motorrad gefahren bin, auch die altjapanischen Hausmodelle aus den Kofungräbern aus dem Museum  , das Hirschgeweih auf dem kleinen Tempel in Alt-Manali im Kulutal oder die gekreuzten Planken mit Pferdeköpfen auf alten nordeuropäischen Holzbauten.
Es ist klar, dass die Chigi in Ise, am Izumo Taisha, am Sumiyoshi- Schrein, am Kibitsu- Schrein oder wie sie alle heißen, uralte architektonische Vorläufer haben.
Das gilt wohl für alle Elemente dieser schlichten, alle zwanzig Jahre neu nach uraltem Vorbild zu erbauenden Schreine. Ich muss mich einbremsen, um hier nun nicht in einen langatmigen Lobgesang auf diese verzauberten heiligen Bezirke zu verfallen. Zwischen alten Zedern und magischen Felsen, an rauschenden Wasserfällen, wo die Kami wohnen, mit Shimenawaseilen festgehalten, von jungen hübschen Mädchen, den Mikos, und  von alten Priestern betreut ...
Ich möchte mich hier wirklich nur auf das Architekturelement Chigi konzentrieren, oben vertikal abgesägt, wenn männliche Kami im Honden wohnen, horizontal abgesägt, wenn weibliche drinnen hausen. Oft mit Windlöchern und vergoldeten Platten geziert, ragen sie rätselhaft vom Giebel in den Himmel.
Ein wenig weiter bringt wohl die etymologische Spur der Namen für diese Bauteile. Der Firstbalken und der vertikale schwere Baum, der auf den vermutlich ältesten Shintoschreinen den Giebel stützte, ist mit dem chinesischen und auch japanischen Ausdruck Tai-Ji (Tai-Chi, Taikyoku/ 太極) verknüpft, uns vom heutzutage modischen chinesischen Schattenboxen, dem Tai-Chi bekannt. Das Schriftzeichen dafür hat als ikonografische Wurzel das bekannte Zeichen für sehr groß, mit ausgebreiteten Armen und ein Zeichen das irgendwie, unklar und deshalb vielseitig interpretierbar, einen Baumstamm mit einem Menschen und dessen Mund und Hand verknüpft. Jedenfalls heißt das Zeichen Bergesgipfel und Firstbalken. (Mitunter wird es im Westen, wegen der Homophonie, mit dem Begriff Chi, jap.Ki für Lebensenergie verwechselt, der im Qui-Gong aufscheint und ein völlig anderes Schriftzeichen hat 気) Von der daoistischen Philosophie wurde der Begriff Ji (Chi, 太極)vor allem im I-Ging, mit reicher Symbolbedeutung befrachtet. Im Dachfirst schneiden sich die Schattenseite des Dachs mit der Sonnenseite, wie bei einem Berg Nordhang und Südhang, weibliches und männliches Prinzip heben sich gegenseitig auf. Das Tai-Ji ist quasi die ultimative Spitze in der alles in eines zusammenfällt.
Es scheint einleuchtend, dass dieses daoistische Symboldenken nicht nur in die konfuzianischen Doktrinen eingedrungen ist, sondern auch den japanischen Shintoismus, der bekanntlich auch in alten lokalen schamanischen Traditionen verwurzelt ist, beeinflusst hat.
Wie freue ich mich schon heute darauf, wieder einmal durch ein rotes Torii, vielleicht an einer alten No-Bühne vorbei, ein Shinto-Heiligtum zu betreten, wo mir aus dem Dunkel des Schreins der magische Spiegel der Sonnengöttin Amiterasu entgegenleuchtet, irgendwo in der Nähe versteckt das heilige Schwert.
Mit kindlichem Schauer blicke ich dann hinauf zum Chigi, mit ähnlichen Gefühlen, wie ich als Kind zum Hirschgeweih in irgend einem verwitterten Jagdhaus meiner Heimat hinaufgeblickt habe. In jener Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat und in der mich schon mein kleiner schlauer Fuchs Inari beschützt hat, der auch die heilige  shintoistische Stätte beschützt.

Dienstag, 18. September 2012

Auf der heiligen Insel Myashima


Schon bei der Anreise , irgendwo, fast nirgendwo, in der Vorstadt Osakas bleibt der Zug infolge einer Notbremsung plötzlich stehen. Der Himmel ist grau, ich sitze beengt neben einem fetten Japaner, Lena hat die Schuhe ausgezogen, liegt auf dem Sitz und saugt an Junkos Brust. Seitlich von mir sitzen Burgi und Florian, durchs Fenster erblicke ich einen zehnstöckigen Wohnblock.
Vermutlich hat der Zug einen Menschen überfahren, vielleicht hat dieser sich auch in suicidaler Absicht vor den Zug geworfen, über den Lautsprecher wird die Möglichkeit über den letzten Waggon auszusteigen annonciert.
Über eine Meerenge bringt uns ein Fährschiff dann zum großen, bei Flut im Wasser stehenden Tori des Itsukushimaschreins.
Miyajima ist eine Insel der Götter, Menschen dürfen dort weder Sterben noch Kinder gebären. 
Ich schaue mir die japanischen Touristenscharen auf der Fähre an, die ja, so wie unsere Reisegruppe, schon größtenteils ältere Baujahre sind, abgesehen von den vielen Schulklassen. Bitte auf der Insel nicht sterben ! denke ich. Hoffentlich halten sich alle brav daran.
Seltsam auch, dass in Sichtweite von dieser Insel mit göttlichem Sterbeverbot der Tod mit der Atombombe auf Hiroshima einen seiner grässlichsten Exzesse in der Geschichte feierte. Es muss entsetzlich gewesen sein wie sich die Haut von den verdursteten, verbrannten Menschen schälte, wie sich sogar die  schmelzenden Buddhastatuen aus Metall in Glut und Strahlung krümmten.
Vom Meer aus sehen wir den Gipfel des Misen-Berges. Oben wartet das gigantische, von den Göttern gebaute Steinheiligtum auf uns. Es ist eine Art von  megalithischem Stonehenge, oder ein riesiger Dolmen mit Menhiren, aber nicht von Menschen gebaut.

Derlei Naturheiligtümer göttlichen Ursprungs sind mir in Japan immer wieder begegnet.
Beispielsweise bin ich im abendlichen Dunkel in Ise nackt zu den durch ein mächtiges Shimenawaseil verknüpften verheirateten Felsen Izanami und Izanagi, den Ureltern aller Japaner, geschwommen. Oder ich habe magisch mit der linken Hand Steinchen ins Wasserbecken am Udo-Schrein der lokalen Krokodilsgöttin Toyotamabime geworfen. Die arme Göttin, die unter Zurücklassung ihres Säuglings und ihrer an die Wand der Grotte geklebten, versteinerten Brüste in die Meerestiefe abtauchen musste, weil ihr Gatte sie in Krokodilsgestalt erblickt hatte, die sie anlässlich der Geburt annehmen musste.
Oder ich bin  mit der noch kleinen Lena am Rücken zwischen tausenden von Steinmännchen vor der Höhle der gekränkten Sonnengöttin Amaterasu unter dem Amano Iwato Schrein durch die waldige Takachiho-Schlucht geklettert. Wohin man schaut heilige Höhlen, heilige Felsen, heilige Bäume und Quellen überall die lokalen Kami.
Der Mizen-Berg ist seit alters her voll mit derlei Spuk. Auf unserer Wanderung von der Seilbahnstation über seinen Bergrücken begegnen wir auf Schritt und Tritt kleinen und großen versteckten Statuen und Schreinen. Etwas oberhalb des ewigen Feuers im Reikado-Komplex, unter alten Bäumen, findet auch Florian seinen Seelentempel. Er nennt sich Dainichi Do, sieht ein wenig wie eine Schweizer Almhütte oder wie ein Försterhaus aus und ist in Schutztempel, in dem sich im Jänner die Mönche Myashimas versammeln.
Zwischen den beeindruckenden Felstoren und Felstürmen begrüßen uns nicht nur die halbzahmen Hirsche sondern auch heilige Schlangen und Eidechsen.
Wieder spüre ich die mächtige Wirkung der Tausend-Tatami-Halle Senjokaku , durch die Lena bloßfüßig  kreuz und quer herumläuft, auch über die langen überdachten Holzgänge, die außen rundherum führen. Wieder begeistern mich die steile Mondbrücke, das weiße Holzpferd in seinem Zauberstall, die alte No-Bühne und die große Pagode ebenso wie die kleine Pagode oben am Hügel mit der schönen Aussicht auf den ganzen Itsukushimakomplex samt den Muschelsammlern die neben dem heiligen Tori im trockengefallenen Schlick herumwühlen.
In der Abenddämmerung klettere ich samt Junko und Lena noch ins schon geschlossene Gelände des Daisho In hinein, besonders dramatische Tempelwächter am großen Tor, vielleicht auch wegen des schlechten Gewissens. Danach essen wir gut italienisch in einem von unserer Vermieterin empfohlenen italienischen Lokal in dem Lena fröhlich mit der Tochter der Wirtsleute spielt und von einer freundlichen Dame mit einem Täschchen für Onigiri-Reisbällchen beschenkt wird.
Es ist aber doch eine Art von Aufatmen wie wir die heiligen Stätten verlassen, das bedrückende Atombombenmuseum in Hiroshima absolviert haben und im gemütlichen, pittoresken Onomichi einkehren.
Das Hotel namens Berghütte ist zwar eine ziemlich große Hütte, aber der Blick auf die Spielzeugwelt unten, mit Meeresarm, Brücke, Eisenbahnzug, Kränen und Tempeln ist wie aus dem Bilderbuch. Auf unserem launigen Abendspaziergang bleiben wir in dem stillen Städtchen die einzigen Touristen.
Auch auf der rekonstruierten Krähenburg in Okayama und im großen davorliegenden Landschaftspark geht es ruhig zu. Gemütlich trinken wir im kleinen Teehaus am Parkteich Machatee und essen die lokale Spezialität Kibitango während ein flottes junges Paar sich im Kimono mit der Krähenburg im Hintergrund ablichten lässt.
Anscheinend liebt man in Okayama das Kostümieren. Auch vor der Burg stolzierte ein junger Mann im gemieteten Samurai-Outfit umher und in der Burg ließen sich junge Mädchen im Prinzessinnen Kimono fotografieren, natürlich auch unsere kleine, mit der Verkleidung ein wenig überforderte Lenaprinzessin.
Dann geht es zurück nach Tokyo, zu Yakitori-Spießchen unter der donnernden Metro in der Ameyokopassage. Dort geht es lustig zu, alle zeigen Lena Zauberkunststückchen, das Bier fließt reichlich und es sind nur ein paar Schritte zurück ins Kinuyahotel wo nachts vor dem Fenster die Wasservögel schreien und die Sandler wieder einmal eine ungemütliche Nacht unter ihren Plastikplanen verbringen.
Ich aber schiebe die Papierwand vor dem Fenster zu, rolle mich in das Futon ein und höre, wie Lena und Junko, neben mir kreuz und quer liegend, zufrieden schnarchen.


Die Tatami duften nach Stroh und die letzten Tage in Tokyo, mit Familienaktivitäten und Marsch vom Takaoberg zum Kobotokeberg gehen auch friedlich über die Bühne.

Horyu Ji und die Frage nach stilistischen griechischen Einflüssen







Auf vielen meiner Reisen von Südamerika bis Indien sind mir die kolonialen Verwaltungsgebäude und Hotels im Stile Palladios, diese versteinerten Symbole kolonialistischer und imperialistischer Machtdemonstration auf die Nerven gegangen.
Wenn wir nun an einem schwülen  Junitag durch die großen Tore den Horyu Ji betreten, diese Tempelanlage in der Prinz Shotoku, unter Unterstützung von Kaiserin Suiko den Auftrag seines verstorbenen Vaters Yomei umgesetzt hat, dann sträubt sich etwas in mir, in der bauchigen Wölbung der Holzsäulen, im angeblich „archaischen“ Lächeln und im Faltenwurf der Gewänder der Statuen schon wieder, in eurozentristischer Weise, angeblich altgriechische Stileinflüsse zu entdecken. Bin ich denn, geographisch ebenso wie geistig, so weit gereist, um hier, in der so eigenständigen japanischen Kunst schon wieder alte europäischen Ideale zu entdecken?
Faktum ist aber doch, dass am Bau des Tempels zahllose koreanische und chinesische Baumeister, Bildschnitzer und Maler beteiligt waren und das Bildprogramm des Mahayanabuddhismus, der vom 6. Bis ins 9.Jhdt. in China, bis ins 12.Jhdt. in Indien, einflußreich war, nach Nara transportierten, wo es Wuzeln schlug und sich, trotz der Angriffe der japanischen Nazis, eigentlich bis heute hielt.
Wie schaut es nun mit dem angeblich griechischen Einfluss auf diesen Mahyanabudhismus aus ?
Nach der Eroberung Baktriens durch Alexander den Großen 327v.Chr. hielten sich, auch nach dem Tod Alexanders, griechische Könige in der Region (Seleukos, Eucratides, Dototis, Demetrius), es wurden auch Griechen zwangsangesiedelt und Künstler, hauptsächlich aus dem Gebiet des heutigen Syrien, waren dort tätig. Münzen waren auf einer Seite griechisch, auf der anderen indisch beschriftet.
Es entstand eine griechisch-indische Mischkultur, mit einem bunten Pantheon, in welchem neben Apollo, Herakles und Helios auch Shiva und bald auch Buddha residierten.
Der Mauryaherrscher Ashoka, diese seltsame Figur, die sich, nach einer angeblich brutalen, kriegerischen Vergangenheit engagiert dem Buddhismus zuwandte und für dessen Verbreitung sorgte, beeinflusste sicher auch massiv Baktrien, hatte er doch griechische Gesandte an seinem Hof.
Nachdem in diesem Land im Hindukusch, geografisch dem heutigen Pakistan und Afghanistan entsprechend, die griechischen Fürsten von den nomadischen Eroberern der Kushans, in der älteren Literatur als weiße Hunnen oder Sykthen! Bezeichnet abgelöst wurden, blieb die Region weiterhin ein Schmelztiegel griechischer, indischer, teilweise auch sassanidischer Kultur.
Das sogenannte dritte buddhistische Konzil im Nordwesten Indiens, in Kaschmir (rechnet man ein mythisches, ganz frühes Konzil dazu, dann ist es das Vierte) , nach unserer Zeitrechnung bald nach Christi Geburt, formulierte erstmals das ideologische Programm des Mahayana-Buddhismus, eine wichtige Voraussetzung für die spätere Missionierung Chinas und Japans mit ihren nordasiatisch „schamanischen“ Traditionen von Taoismus und Shintoismus.
Baktrien, das merkwürdige Gandhara-Königreich im Hindukusch, hielt sich bis zum achten Jhdt. bevor es im Sand der Wüste Takla Makan versank, von mongolischen Eroberern ausgelöscht wurde. (Die prächtigen,stehenden Buddhasatuen von Bamyan wurden erst von den Taliban in die Luft gesprengt.)
Über den nördlichen Zweig der damals sehr belebten Seidenstraße brachten chinesischePilger und Gelehrte wie Fa Hsien, Sung Yün oder Hsüang Tsang den Buddhismus ab etwa 400 n.Chr. nach China, von wo er teilweise über Korea, das ja 668 passager von den Tang erobert wurde, nach Japan. Es nimmt nicht Wunder, dass gerade der legendäre China-Missionar Daruma (jap.) sich noch heute derart volkstümlicher Beliebtheit erfreut.
Das ganze indo-gräco-sino-beeinflußte Ensemble von Himmelswächtern, Torwächtern, Gottheiten, das die Reise der Missionare mitgemacht hat, ist noch heute in Japan in jedem buddhistischen Tempel zu besichtigen. Die Identitäten der Götter sind wohl in erster Linie hinduistisch und buddhistisch, ihre Kleidung, ihre Haltung, Haartracht und die Gebäude in denen sie einquartiert sind, sind aber zumindest teilweise, auf dem Weg über Baktrien, diesen Schmelztiegel der Kulturen, auch griechisch beeinflusst.
Kunstgeschichtlich scheint gesichert, dass gerade dieses Baktrien äußerst wichtig für die Entwicklung buddhistischer Ikonografie war.
Nach dem Fundort Gandhara im Tal von Kabul benannt entstand hier beispielsweise erstmals ein anthropomorphes Abbild Shakyamunis, der zuvor nur als Baum, als Stupa, Gesetzesrad etc. symbolisch dargestellt wurde. Götter in Menschengestalt waren anscheinend wirklich eine Spezialität der alten Griechen.
Diese ersten Buddhastatuen waren praktisch, vom Faltenwurf der Gewänder, Haarknoten, Haltung und Lächeln identisch mit den Apollostatuen und Heliosstatuen griechischen Ursprungs. Die stehende Position wurde erst später, natürlich unter indischem Einfluss, in den Yogasitz übergeführt.
Mit dem oft erwähnten „archaischen“ Lächeln ist es so eine Sache. Ist doch diese Kunst zumindest fünf Jahrhunderte v.Chr. zu datieren und kann schwerlich Baktrien beeinflusst haben. Aber bereits in hellenistischer Zeit und im römischen Reich unter Augustus und Hadrian gab es in der darstellenden Kunst Greek-Revival-Bewegungen, Neo-Attische Moden, die versuchten, diese altertümlichen Stilmerkmale wiederzubeleben.
Beim wunderbaren Lächeln der Nara-Buddhas, dem milden Ausdruck der traumverändernden (Yumechigai) Kannon, der überschlanken Kudara mit der Wasserflasche in der Hand oder dem eleganten Buddha, der jetzt im Frauentempel Chugu Ji im Osten des Horyu Ji thront, dürfte es aber doch wohl eher um einen Parallelismus als um einen Einfluss gehen.
Spannend bleibt die Frage der auffallenden Entasis (eingedeutscht Entase), der Anspannung der Säulen, wie beim Bicepsmuskel oder bei der Wadenmuskulatur. Dieses so offensichtlich anthropomorphe Architekturelement scheint so typisch griechisch, macht es doch den Menschenkörper, der ein Gewicht trägt, zum Vorbild der Architektur. Anthropos metron panton.
Im Lichte dieser Überlegungen kehre ich nochmals zurück in den Horyu Ji, zu den Terakottadarstellungen vom Leben Shakyamunis im Untergeschoss der Pagode, besonders beeindruckt von den klagenden Mönchen an der Leiche des Erleuchteten. Noch einmal betrete ich in Gedanken die große Halle des Kondo, deren Dämmerlicht uns nach dem grellen Mittagslicht des weiten, aber sehr homogen wirkenden Hofes- voller Schulklassen in Uniformen, wohl tut. Unheimlich umstehen die vier riesigen Himmelswächter, auf bizarren besiegten Dämonen stehend, die zentrale Shakyamunigruppe.
An den Wänden die einzigartigen Fresken des buddhistischen Paradieses die mich an Ajanta, aber auch an Pompej erinnern.
Dann, nach unserem Abstecher (sic!) zum Glockenturm hinauf durchs Museum und doch noch, schon müde, in die Halle von Shotokus Seele, wo mir ein geduldiger, äußerst liebenswürdiger Mönch meinem Spitznamen Inari schwungvoll in mein Pilgerbuch malt während eine Schlange anderer Pilger wartet, ohne zu Murren.
Bei schwülem Weter schlendern wir dann durch eine Hinterstrasse zu Udon, Soba &Co, fahren im Taxi zum Kofun Grab und mit der Bahn wieder nach Nara zu kalligrafischen Ryokan-Wirtin. Ach, diese reizende Wirtin ! In einem anderen Leben hat sie mich vielleicht im Gebrauch eines anderen Pinsels unterwiesen ! Deshalb spüre ich heute wohl das Karma in meinem linken Knie etwas schmerzlicher.

Kyoto, die Stadt mit den vielen Zeitlöchern




In manchen Städten, besonders in solchen mit reicher und abgründiger Vergangenheit, erlebe ich immer wieder, dass die scheinbar solide Fassade der aktuellen Wirklichkeit dünner wird, durchsichtiger, dass ich stolpere und mich ein paar Schritte in eine andere Zeit, eine längst vergangene Welt verirre.
Kyoto, die alte Kaiserstadt, scheint mir von derlei Zeitlöchern übersät zu sein, was sich auch bei unserem heurigen Besuch zeigte.
Irgendwie scheint der kontinuierliche Faden der linearen Zeit  immer wieder zerrissen. Diese Zerreißbarkeit der Zeit bleibt mir spürbar, auch wie wir in Kyoto eingetroffen vor dem von Hara Koji geplanten Bahnhofsgebäude ein Taxi besteigen und durch die Hauptstraßen einer auf den ersten Blick nichtssagenden, modernen Stadt fahren. Dabei weiß ich doch schon aus der Erinnerung, welch geheimnisvolle Gärten und Tempel, welch unwirklicher Zauber sich hinter diesen Häuserzeilen verbirgt.
Beim Überqueren des Kamoflusses wird die nichtssagende Gegenwart kurzfristig transparent. Vor den im Mittagslicht schläfrig und fad wirkenden Restaurants von Pontocho stolziert im Fluss, zwischen ein paar Schilfinseln ein Reiher umher. Vielleicht derselbe Reiher den wir ein paar Tage später am goldenen Pavillon des Kinkaku Ji sehen.
Der Taxilenker erzählt unterdessen, dass er auch eine Tauchschule betreibe und ich versuche den Scherz, dass Florian und ich als Psychoanalytiker gewissermaßen auch Taucher seien, im seelischen Meer sozusagen, he he. Aber ich bin unsicher ob der matte Witz nicht eh in den Problemen der unermüdlichen Übersetzung Junkos hängen geblieben ist.
Das nächste irgendwie unwirkliche Erlebnis ist der Besuch im winzig wirkenden Wohnzimmer hinter der ohnedies kleinen Apotheke Chizukos.
Die liebenswürdige Chizuko und ihre Mutter, finden ohnehin kaum Platz zwischen den Gläsern, Pillen, Dragees und Salben, zwischen Vitaminsaftflaschen und Antibiotika. Dazu kommt aber noch die Kücheneinrichtung, zahlreiche Erinnerungsstücke, vor allem vom geliebten Wien. Es grenzt an ein Wunder, dass wir zu fünft, nach Ablegen der Schuhe und Überwindung einer kleinen Treppe, auch noch in die Hexenküche hineinpassen. Aber dann klappt es sogar mit Tee , selbstgebackener Linzertorte und einem Gespräch über die Wiener Philharmoniker.
Der geheimnisumwitterte Garten Hekates auf der Kolchis erscheint in meiner Fantasie, dieser Garten, in dem neben den Heilkräutern auch todbringende Giftpflanzen wachsen.
Im Vergleich mit dieser Hexenküche wirkt sogar das Holzhaus in einer engen, altertümlichen Gasse, nur ein paar Schritte entfernt, weiträumig.
Es handelt es sich um ein sogenanntes Aalhaus, weil es sich von einer sehr schmalen Fassade relativ weit nach hinten erstreckt, wie die Häuser alter burgenländischer Dörfer.
Auch das Ryokan der Vermieterin, gleich daneben, ist ein derartiges Aalhaus, angeblich war es früher ein erotisches Teehaus für Geishas. Die Vermieterin meint, sie habe auch viele vergilbte Fotografien des lüsternen Treibens in der Vergangenheit gefunden, uns zeigt sie allerdings nur die Porzellankatze, die auf einem verhüllten Penis kauert, der jedoch zu sehen ist, wenn man die Statuette mit der Katze umdreht.
Während ich, mit ein wenig geheuchelter Begeisterung das zweite Frühstück, bestehend aus ungesalzenem Reis, Misosuppe, Essiggemüse, Yuba, Tofu und diversen undefinierbaren Geheimspeisen hinunterwürge, begleitet von Lenas Geklimpere auf einer Spielzeuggitarre, denke ich mit leiser Wehmut an Burgi und Florian, die in einem nahegelegenen, eher europäischen Kissaten, auf Sesseln sitzend einen Kaffee schlürfen.
Wir verzichten darauf, uns vom Balkon des Kyomizu Dera herunterzustürzen, bummeln abends noch zum Yasakaschrein und zum Tor des Shoren in und träumen beim Duft der Tatamis vom alten Kyoto.
Für Dienstag hat Hirohisa Mori, ein Schulfreund Junkos, auch eine Erscheinung aus dem Zwischenreich außerhalb der kompakten trivialen Realität ein Spezialprogramm zusammengestellt. Es war sehr schmeichelhaft für mich, dass er mir sein 706 Seiten  starkes, sicher 1kg schweres Werk über „Gobalbase Architecture“ zusandte, voller Bilder und komplizierter mathematischer Formeln.
Vom elegant livrierten Chauffeur werden wir im komfortablen Kleinbus zur Besichtigung der Katsura-Kaiservilla gefahren. Während der Führung durch den unglaublichen Garten mit seinen alle paar Schritte wechselnden, traumhaften Ausblicken wird ein Teil der Gruppe zum Matsuo-Schrein geführt, wenn ich es recht verstehe ein irgendwie den Teufeln des Sake verbundenes Heiligtum.
Imaginäres und Reales beginnen verstärkt zu oszillieren, bewegen wir uns durch ein Landschaftsaquarell, eine Ukioye oder haben wir, spätestens in der Kakiplantage und bei der schlitzäugigen Wirtin schon wieder festen Boden unter den Füßen?
Gegen Abend erwartet uns an der Togetsubrücke in Arashiyama der dämonische Kobold Prof. Monta Hayakawa. Die Lippen von einem dezenten Shunga-Lächeln umspielt ,erinnert er mich mit seinen buschigen Augenbrauen und Katzenaugen sofort an den Advokaten Coppelius in ETA Hoffmanns Novelle „Der Sandmann“, über die ja S.Freud seinen Aufsatz über das Unheimliche verfasst hat.
Um uns zu Verzaubern, hat er eine Bootsfahrt auf dem Oi-Fluß geplant, die jedoch, infolge eines Wolkenbruches buchstäblich ins Wasser fällt.
Unverzagt führen er und Mori unsere kleine Gruppe in eine Taverne am Flussufer von der aus man unter roten Lampions einen Ausblick auf den im Regen dahinströmenden Fluss genießt. Nach diversen, teils englischen, teils von Junko immer wieder übersetzten fragmentarischen Unterhaltungen, nach Kaffee, Machaeis und einer kleinen Tangoperformance auf der vorgelagerten Terasse, wird die so genannte Führung durch den magischen Hayakawa-Coppelius fortgesetzt.
Ein Gedenkstein für die schöne Akashi no Kimi, die dem Prinzen Genji ein Mädchen geboren hatte, mit dem sie sich versteckte und dann, was für romantische Story!, von einem Diener mit Hilfe einer Kennmelodie, mir scheint auf Flöte, oder war es eine Koto?, aufgespürt wurde, beeindruckt den, mit derlei traditionellen Legenden vertrauten Florian offenbar besonders.
Mir gefallt Hayakawas Behauptung, dass bei einem Konzert im Tenryu Ji, vor dem großen Karpfenteich, das er zu ehren einer ausländischen Delegation veranstaltete, die Fische bei ganz bestimmten Flötenpassagen aus dem Wasser zu springen begonnen hätten.
Durch den berühmten, milchig-blaugrünen, verregneten Bambushain, vorbei an kleinen Shintoschreinen die zinnoberrot im Regen glänzen, über die Gleise der Kleinbahn und durch die Vorstadt führt der ständig lächelnde , aber doch unheimliche Magier uns in Richtung zum großen grünen Affenberg. Die Häuser verlieren sich, die Gruppe zerstreut sich immer mehr, der Regen nimmt zu und schließlich bleiben wir im Niemandsland vor einem großen Acker, in dessen Furchen sich das Regenwasser gesammelt hat stehen. Was ist los denke ich - da weist Hayakama auf ein kaum sichtbares, bemoostes Strohdach, halb unter alten Bäumen verborgen, das man in der Dämmerung gerade noch hinter dem Acker erkennen kann.
Das sei die letzte Rast des ruhelosen Dichtermönches Basho gewesen, wo er vor seinem Tod bei einem Freund gewohnt habe.
Ich spüre, wie ich wieder einmal den trügerischen Boden der Gegenwart unter den Füßen verliere, wieder in ein Zeitloch geraten bin, von diesem Shunga-Dämon in die Falle geführt.
Das letzte Haiku des poetischen Landstreichers Basho aus einer Anthologie, die ich als Reiselektüre mitführe, fällt mir ein :

Vom Wandern krank
Auf ödem Feld
Irrt mein Traum umher

Zur Erholung von dieser gelungenen Erschütterung führt uns der katzenäugige Kobold in sein eigenes Häuschen um uns bei Tee die Blumenaquarelle seines verstorbenen Vaters zu zeigen, seines hochverehrten Vaters, der angeblich 1000 Wakas auswendig kannte.
Danach übersiedeln wir in das noble Restaurant Togetsutei dessen große Glasfenster sich zum Fluss und zur alten Brücke hin öffnen. Bei einem komplizierten und vielfältigen Menü werden wir von Mori mit Huroshiki Tüchern, in die unsere Namen gestickt sind, beschenkt.
Tags darauf starten wir zum klassischen Kyoto-Tempel-Marathon. Vom Nanzen Ji geht es über den Philosphenweg zum Gingaku Ji , wo uns Junko und Lena nach dem Mittagessen verlassen.
Aus dem Wunsch, mit Florian und Burgi möglichst viel von Kyotos reichen Schätzen zu besichtigen, fahren wir zum Daitoku Ji wo schon die stillen meditativen Steingärten mit ihrer hintergründigen Symbolik zu Innehalten auffordern.
Aber Rainer treibt weiter, es geht auch noch zur wichtigsten Ikone des touristischen Kyoto- Marathons, zum goldenen Pavillon Kinkaku Ji. Beim Galopp durch dessen weitläufigen Garten spüre ich, dass Burgi ab und zu, trotz aller Begeisterungsfähigkeit, genug davon hat, von Tempel zu Tempel gezerrt zu werden. Vermutlich ist sie doch daran gewöhnt programmatische Verantwortung für ihre zeitweise große, eigene Familiengruppe zu übernehmen und es fällt ihr nicht immer leicht, mit wenig Mitbestimmung als Reisegruppen-Mitläuferin passiviert zu werden. Aber das ist Spekulation, jedenfalls kann ich mir gut vorstellen, dass ich, Rainer, von mir selbst ziemlich genervt wäre, würde ich in ihrer Haut stecken.
Leider nur tangential nehmen wir das reizende kleine Teehaus mit seinem bemoosten Strohdach, dem alten Holz und der bukkolischen Stimmung wahr. Dabei gilt es als Prototyp der japanischen Wabi-Sabi-Ästhetik.
Wabi die traurige, einsame Verlorenheit, etwa der blühende Kirschzweig der mit Schnee bedeckt, friert, Sabi bekanntlich so etwas wie Rost oder Patina, auch die Spuren des Gebrauches durch die menschliche Hand, das Abgetragene eines alten Kleidungsstückes etwa.
Gerade für diese Botschaften, die wir ja von der Anakreontik über die Schäferspiele des Rokoko bis hin zur Romantik wohl auch kennen, finden wir in unserem Besichtigungsgalopp keine Muße.
Erst im nächsten Taxi erfahren wir, dass in den weiteren angepeilten Tempeln – gottseidank – bereits Sperrstunde ist und so steigen wir beim Heian Ji aus, schlendern von dort eher müde vorbei an den knorrigen Kampferbäumen am Shoren in heim ins Ryokan.
Auf dem Weg zum Abendessen durch die Gion-Strasse sehen wir wieder Gespenster vergangener Zeit, Geishas und Maikos in Kimonos mit kunstvollen Frisuren huschen vorbei, wir gehen bis ans Flussufer nach Pontocho, können aber wegen der kühlen Brise doch nicht im Freien essen.
Der Pilgerweg durch die tausend rotlackierten Torii auf dem Berg hinter dem Fushimischrein führt uns auch zurück von Kyoto in die ältere Epoche Nara.
Die steile, letzte Schlinge dieses einzigartigen Pfades gehen nur Florian und ich während Junko und Burgi mit Lena im  Schatten des Waldrestaurants bleiben.
Unter den magischen Toren, von den Inari-füchsen bewacht erzählt Florian mir ein wenig von seinem schwierigen Werdegang durch die Initiationstore der jungianischen Schweizer Analytiker, was mich in meinem Widerwillen gegen diese  monopolitischen, wichtigtuerischen Ausbildungsgesellschaften wieder einmal bestärkt.