Montag, 8. Juni 2009

Unsere fröhliche Sternschnuppe





Aus dem Chaos von Licht und Dunkel, Geräuschen, Hunger und Sättigung, aus dieser lauwarmen Ursuppe in der die kleine Lena schwimmt, tauchen nach und nach Gestalten auf. Wie Inseln aus dem Ozean. Lachende oder feixende Gesichter, Junkos Stimme die Dir auf japanisch oder deutsch Wiegenlieder vorsingt, Lenas eigene kleine Händchen, seit wenigen Wochen auch die Füßchen die sie in den Mund steckt. Ob es in diesem Lebensabschnitt schon ein einigermaßen abgegrenztes Ich und demnach die Möglichkeit zur Spaltung und zur Projektion von Innen nach Außen gibt, wie etwa Melanie Klein meint, sei dahingestellt.

Jedenfalls lächelt unser entzückender kleiner Käfer seinen frühen Teilobjekten, Stimme, Brust oder Blick strahlend entgegen, mitunter richtig verschmitzt, wie ein kleiner Kasperl.

Natürlich öffnet dieses fröhliche, gewinnende Wesen wie ein Zauberschlüssel alle Herzen, fast ist es mir manchmal unheimlich wenn alle, Verwandte, Freunde, Nachbarn, griechische Bauersfrauen, Kellner oder argentinische Tangomeister sie unbedingt halten und ans Herz drücken wollen.

Wenn ich spüre, wie sie ihre Wünsche nach Spiel und Kontakt, Milch, Zärtlichkeit oder Bewegung immer klarer artikuliert, wie die Bilder der Umgebung immer deutlicher für sie werden und sie mit ihren winzigen Porzellanfüßchen zappelnde kleine Schritte in unsere gemeinsame Welt, die auch eine Welt der Tauschungen und Enttäuschungen ist, macht, spüre ich manchmal ein wenig Wehmut.

Wehmut darüber dass jeder dieser kleinen Schritte sie aus der ursprünglichen, grenzenlosen Reinheit herausführt. Auf den weiten Wanderungen auf denen ich sie jetzt gerade durch die Ölgärten Korfus getragen habe, war mir manchmal zumute, als wäre aus den vorbeifliegenden Wolken ein kleines Tier, ein kleiner Engel in meine Arme heruntergefallen.


Dienstag, 6. Januar 2009

Lena Maliko ist angekommen





Nach neun Monaten Reise unter Wasser ist Lena Maliko, unsere Tochter, aus Junkos Bauch aufgetaucht. Wenn sie im Schlaf lächelt, rätseln die dummen, gutmütigen Elterntiere ob dies nur ein zufälliger Spasmus der unreifen mimischen Muskulatur sei, oder Träume von den glücklichen Zeiten im Mutterbauch.
Entwicklungspsychologie spielt sich eben nicht nur isoliert im Säugling, sondern auch in den Fantasien seiner Pflegepersonen ab.
Die meiste Zeit schläft Lena, oder sie spielt mit dem goldenen Apfel der Mutterbrust, deren Glanz ihr die ganze Welt und ihr eigenes Lachen und Weinen wiederspiegelt.

Mit der süssen Milch, die sie saugt, trinkt sie Leben und leider auch den letzlich damit verknüpften Tod, woran zu denken aber jetzt unpassend scheint.

Hauptsächlich ist die kleine Lena, wie alle Neugeborenen, ein kleiner Schlauch, eingewickelt in Pampers und Strampelanzug. Vorne die Saugöffnung , die auch zu Schreien genutzt wird, hinten die Öffnungen für Stuhl und Harn.
Ihr Schreien ruft die Brust herbei, ihr Saugen stimuliert die Milchproduktion, sowie umgekehrt die Brust ihren Hunger induziert. Zwischen Junkos Stilltrieb, einem echten Trieb, wie bei allen Säugetiermüttern und Lenas Hunger, entsteht ein subtiler Austausch von Füttterung, Pausen,
Heftigkeit und Zärtlichkeit, eine wahre Fütterungssymphonie.
Wie bei allen Liebespaaren ist dieser Austausch ein komplexer Vorgang der Synchronisation, bei dem die Partnermit mit mehr oder weniger Erfolg versuchen, sich gegenseitig ihre Wünsche zu erfüllen, ihr Begehren zu stillen.
Lenas elementares, noch irgendwie diffuses Temperament klingt dabei mit Junkos Temperament meist harmonisch, gelegentlich auch dissonant zusammen. Eine Fütterungssymphonie eben, in deren Klänge von Saugen, Rülpsen, Weinen, Gähnen und Strampeln ich als Vater nach Kräften und Fähigkeiten mit einstimme.

Montag, 20. Oktober 2008

Tango



Wo sonst wären diese Musik, dieser Tanz und diese Lyrik entstanden als am Ufer der braunen Brühe des Rio de la Plata. In einer Stadt die ein ungeheures Schlachthaus des Lügens und Verdrängens ist.

Mitten im einsamen Gedränge einer Milonga lernt das Herz in der Sprache der Musik zu reden. Für ein paar Takte, für die Dauer einer Tanda vielleicht, vermitteln sich mit ihren Bewegungen eine Frau und ein Mann die Illusion sich zutiefst verstehen und ihre Isolierung überwinden zu können. Die Illusion ist kurz. Es un sopla la vida.

In einer orquesta tipica spielt meist auch unsichtbar der Tod mit seinem Bandoneon mit. Er spielt mit und er tanzt mit, wie überall, wo die Leidenschaft ihre Schatten wirft.

Malena canta el tango con voz de sombra.

Sonntag, 19. Oktober 2008

In fremdem Ländern










In fremden Ländern suche ich, vielleicht auf der Flucht vor mir selbst, nach den Splittern meines zerbrochenen Spiegelbildes. Weit im Gelände verstreut, wie Gedächtnislücken, finde ich da und dort einzelne Scherben wieder. Kleine, glänzende Teiche auf der Wanderung durch die Herbstlandschaft in meinem Kopf.

Durstig von der Lebensreise trinke ich aus diesen Teichen, bevor ich weiterziehe auf meinem Weg vom gebrannten Kind zur geselchten Sau und schließlich unweigerlich zur Endstation bei den Würmern.